Samstag, 20. Juli 2019

Götz Otto, Peta Sergeant, Julia Dietze, Michael Cullen, Stephanie Paul
© polyband Medien GmbH/Mika Orasmaa

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Interview mit Timo Vuorensola
► Interview mit Götz Otto

Alles begann vor 20 Jahren irgendwo in Finnland. Der damalige Teenager und Star-Trek-Fan Samuli Torssonen entwickelte am heimischen Computer seine eigene Parodie der erfolgreichen Franchise unter dem Titel Star Wreck. Was damals noch mit 8bit-Animation vier Minuten lang die Fans begeisterte, steigerte sich im Laufe der Jahre. Nicht nur die Qualität der Computeranimationen verbesserte sich, auch wurden die folgenden Filme immer länger.

Mit seinem letzten, mittlerweile 6. Wreck-Film Star Wreck: In the Pirkinning (2005), bei dem erstmals Timo Vuorensola Regie führte, der übrigens auch seit dem 5. Film auch den Commander Dwarf spielte, machte sich Torssonen nicht nur bei seinen Trek-Wreck-Fans beliebter, sondern zeigte auch in seinem ersten Langspielfilm, dass man auch mit wenigen Mitteln einen abendfüllenden Spielfilm produzieren kann. Mehr als acht Millionen Mal wurde Vuorensolas origineller No-Budget-Film weltweit im Internet angesehen.

Über Jahre hinweg entwickelte sich dann auch dort, in den unendlichen Weiten des Internets, in den Foren, Blogs u.a. Kommunikationsmedien die Geschichte zu Iron Sky, einer skurrilen, rabenschwarzen Komödie über eine Gruppe von Nazis, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs auf der dunklen Seite des Mondes nach Vergeltung trachtet. Ein wesentlicher Bestandteil der Filmfinanzierung war das sogenannte „Crowd Funding“ und „Crowd Investing“, d.h., dass Fans Geld für die Produktion zur Verfügung gestellt haben und während des Entstehungsprozesses kreativen Input geben konnten.

Mit spektakulären Effekten und atemberaubenden Designs von Samuli Torssonen realisiert, begeistert die finnisch-deutsch-australische Koproduktion mit ihrer verrückten Story, wilder Action, respektlosem Humor und einem großen Starensemble (falls man das so nennen kann). Die Filmmusik stammt von der Industrial-Band Laibach (u.a. ihre Version des Hits „Life is Life“), die sich mit diesem Werk aus ihrer Schaffenspause zurückmeldet.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs schaffen es die Nazis mit Hilfe von riesigen Ufos, sogenannten Reichsflugscheiben, die dunkle Seite des Mondes zu besiedeln. Als sie im Jahr 2018 zufällig von einer amerikanischen Mondmission entdeckt werden, sehen sie ihre Zeit gekommen, um wieder nach der Weltherrschaft zu greifen.

Von nun an lastet das Schicksal der Menschheit auf den Schultern von Renate Richter, eine von der Nazi-Ideologie überzeugte Lehrerin mit Gretchenfrisur. Auf der Erde angekommen wird ihr jedoch schnell bewusst, dass sie ihr Leben lang einer Lüge aufgesessen ist. Nur wie soll es ihr gelingen, ihren machtbesessenen Verlobten Klaus Adler und dessen Götterdämmerung aufzuhalten?

Iron Sky ist ein ungewöhnlicher Film: Einerseits ein spektakuläres Science-Fiction-Abenteuer mit all den großen Designs, Effekten und Weltraumschlachten, die sich Fans des Genres erwarten; andererseits verbirgt sich hinter der Genrekulisse eine hintergründige Satire über unverbesserliche Nazis, die buchstäblich hinter dem Mond leben, und eine amerikanische Regierung, die sich auch unverhohlen faschistischen Ideen verschreibt, wenn sie sich davon Wählerstimmen und den Erhalt der Macht verspricht.

Es ist eine, wie Filmfans längst wissen, total, total verrückte Welt – und Regisseur Timo Vuorensola erweckt sie in seinem in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Film zu strahlendem Leben. Iron Sky steht in einer Tradition, die bis in die Sechzigerjahre zurückreicht, als findige amerikanische Filmemacher (die Wegbereiter des Independentkinos) mit bizarren Filmen wie They saved Hitler’s Brain (1968) nicht die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich suchten.

Ganz im Sinne des Kinos von Trash-Urmeister Ed Wood erkannten sie vielmehr, dass sie mit der Überschreitung der Grenzen des guten Geschmacks und dem Spiel mit dem Tabubruch eine Chance hatten, eine Nische zu schaffen und gegen das übermächtige Hollywood zu bestehen.

Im Zuge von Luchino Viscontis kontrovers aufgenommenen Epos Götterdämmerung (1969) über den Niedergang einer Dynastie während des Dritten Reichs entstand in der Folge eine besondere Form des Exploitationfilms, die so genannte Nazi-Ploitation, die ihren kommerziellen Höhepunkt inTinto Brass’ Madam Kitty a.k.a. Doppelspiel (1976) mit Helmut Berger und Ingrid Thulin und der enorm einflussreichen kanadischen Produktion Ilsa – She-Wolf of the SS (1975) mit der beeindruckenden Dyanne Thorne hatte.

Naziklischees von gewaltbesessenen arischen Übermenschen und unersättlichen Walküren wurden hier auf die Spitze getrieben. 2007 verbeugten sich Quentin Tarantino und Robert Rodriguez vor dem grotesken Subgenre mit dem von Rob Zombie inszenierten Faketrailer zu Werewolf Women of the SS, der in der Originalfassung ihres Grindhouse-Experiments zu sehen war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits das Mainstream-Hollywood seine große Lust an Nazibösewichten entdeckt: Wie Timo Vuorensola in Iron Sky spielen auch Großproduktionen wie Hellboy (über die Thule-Gesellschaft, die für Hitler die Tore zum unaussprechlich Bösen öffnen soll) oder Captain America (über die fiktive Organisation Hydra, die sich als noch größenwahnsinniger als der Führer entpuppt) mit der Besessenheit der Nazis, mit dem Okkulten und dem Kontakt zu Außerirdischen.

Vuorensola, der selbst überdies Klassiker wie Alien, Star Wars oder die Filme von Jeunet/Caro als unmittelbare Vorbilder nennt, setzt seine Nazis eher satirisch ein. Unverkennbar atmet Iron Sky nämlich auch den Atem der Filme von Monty Python. Und es ist kein Zufall, dass im Film ein Clip aus Der große Diktator, der ersten Filmsatire über das Dritte Reich, zum Einsatz kommt: Iron Sky lässt über die Nazis lachen – und über alle machtbesessenen Politiker, rechtzeitig zum US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.

Den Einfällen der Fans, die an dem Projekt mitgewirkt hatten, als auch denen der letztendlich federführenden Drahbuchautoren, sind keine Grenzen gesetzt. Allerdings ist der Film auch nicht mehr als eine effektvolle Satire. Der Humor wirkt, wie die Schauspieler, hölzern. Sie nehmen sowohl sich als auch ihre Rollen nicht sehr ernst, wodurch das Ganze trotz der aktionsreichen visuellen Effekte eher billig wirkt. Zumindest die Fans werden ihre kurzweilige Freude haben. Immerhin hat der Film tolle Spezialeffekte und Nazis, die sich in einer rasanten Satire ergänzen – was braucht man mehr? ■ mz

OT: Iron Sky
SF/D/AUS 2011
Komödie/Satire/Science Fiction
FSK: 12
92 min

mit
Julia Dietze (Renate Richter)
Götz Otto (Klaus Adler)
Udo Kier (Wolfgang Kortzfleisch)
Christopher Kirby (James Washington)
Tilo Prückner (Doktor Richter)
Peta Sergeant (Vivian Wagner)
Stephanie Paul (US-Präsidentin)
Vivian Schneider (Brunhilde)
Claus Wilcke (Russischer Abgesandter)
u.a.

musik
Laibach

kamera
Mika Orasmaa

drehbuch
Johanna Sinisalo
Jarmo Puskala
Michael Kalesniko

regie
Timo Vuorensola

produktion
Blind Spot Pictures Oy
27 Films Production
New Holland Pictures
Tuotantoyhtiö Energia
Yleisradio (YLE)

verleih
polyband

Kinostart: 5. April 2012

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30.03.2012 | mz |
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