Montag, 20. Mai 2019

Tagsüber Stuntman, nachts Fluchtfahrer: Driver (Ryan Gosling)
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Tagsüber arbeitet Driver als Stuntman für Hollywood. Reine Routine. Erst nachts erwacht der wortkarge Einzelgänger zu Leben, als Fahrer von Fluchtfahrzeugen bewaffneter Einbrüche. Keiner kann ihn schnappen, keiner kann ihm das Wasser reichen. Dann lernt der coole Driver seine neue Nachbarin Irene kennen und verliebt sich in die alleinerziehende Mutter.

Als Irenes Ehemann Standard aus dem Knast entlassen wird, lässt sich Driver zu einem vermeintlich todsicheren Ding überreden: Mit der erbeuteten Kohle will Standard seine Schulden abbezahlen und Irenes eine gesicherte Zukunft bieten. Doch alles geht schief. Die Jagd auf Driver und Irene ist eröffnet – wenn es ihm nicht sofort gelingt, den Spieß umzudrehen…

In der Tradition des ultraprofessionellen Genrekinos der Achtzigerjahre, mit dem einst Michael Mann und Walter Hill Filmgeschichte schrieben, aber absolut modern und auf der Höhe der Zeit erzählt, bannen sie die packende Geschichte eines Einzelgängers, der seine coole Fassade aufgeben muss, um das Leben seiner großen Liebe zu retten, in unvergesslichen Bildern auf die Leinwand.

Seit seinem Debüt im Alter von 24 Jahren im Jahr 1996 mit dem harten Gangsterfilm Pusher ist der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn aus der internationalen Filmszene nicht mehr wegzudenken. Mit seiner technisch brillanten und tonal ungeheuer erwachsenen Mischung aus schwarzer Komödie, Tragödie mit großer Fallhöhe und körperlich nachvollziehbarer Action gab Pusher nicht nur den Startschuss für eine bahnbrechende Trilogie des Krimigenres (die Franchise wird gerade von Vertigo Films für den englischsprachigen Markt aufbereitet) rückte der Film auch erstmals die singuläre Vision von Dänemarks größtem Regietalent seit Lars von Trier ins Scheinwerferlicht.

Refns internationale Reputation hat seither spürbar Auftrieb bekommen, nicht zuletzt aufgrund seiner beiden letzten Regiearbeiten: Bronson war die kompromisslose, alle Konventionen missachtende Filmbiographie des berühmt-berüchtigten englischen Kriminellen Charlie Bronson, in dessen Titelrolle Tom Hardy eine brillante Leistung ablieferte. Walhalla Rising wiederum war ein düsteres, blutiges Mittelalterepos, eine Schlachtplatte, die sich zu einem religiösen Erfahrungstrip steigert.

Aufgrund seiner bisherigen Arbeiten wurde Ryan Gosling auf den dänischen Filmemacher aufmerksam und sprach ihn an, ob er nicht Lust habe, bei einer Filmadaption von James Sallis’ minimalem, eminent lesbarem Groschenkrimi „Drive“ Regie zu führen. Refn war umgehend überzeugt, dass die Kulisse Los Angeles und die Geschichte eines Stuntfahrers ein ausgesprochen filmisches Szenario abgeben würde.

Außerdem gefiel ihm Sallis’ erzählerische Ökonomie und der für ihn typische Existenzialismus im Stile eines Noir, der immer wieder von sardonischem Humor gebrochen wird. Die namenlose Hauptfigur, die stets nur Driver genannt wird, sprach Refn sofort an. Er sah in ihr eine Gelegenheit, einerseits seine dramatischen Interessen weiter zu verfolgen und zu vertiefen, andererseits ein dramatisch größeres Publikum als bislang zu erreichen.

»Driver steht den Hauptfiguren meiner Filme Bronson und Walhalla Rising ungeheuer nahe«, gibt Refn zu Protokoll. »Diese überlebensgroßen, ambivalent gottgleichen Figuren. Ich bin sehr an der Schattenseite des Heldentums interessiert. Ich finde es spannend, wie dieser unaufhaltsame Antrieb und die rechtschaffene Einhaltung eines Kodex, der jeden normalen Menschen überfordern würde, sich als etwas manifestieren kann, das ich als absolut psychotisch beschreiben würde.«

Obwohl seine frühen Erfolge als Kinderschauspieler und sein Durchbruch in Wie ein einziger Tag Ryan Gosling zu einem ausgesprochen gefragten Mann in Hollywood gemacht haben, hat der Schauspieler immer wieder kommerziell vermeintlich aussichtsreiche Stoffe ausgeschlagen und stattdessen Projekten den Vorzug gegeben, in denen er emotional und technisch gefordert wird.

Mit nachhaltig beeindruckenden Leistungen in Filmen wie Inside a Skinhead, Half Nelson, Lars und die Frauen oder ►Blue Valentine hat Gosling wiederholt unter Beweis gestellt, dass er einer der am härtesten arbeitenden und ambitioniertesten jungen Stars seiner Generation ist. 2011 war er bislang in der Ehekrisekomödie Crazy, Stupid, Love an der Seite von Steve Carell, Julianne Moore und Emma Stone und zuletzt in George Clooneys Politthriller ►The Ides of March – Tage des Verrats mit Evan Rachel Wood, Marisa Tomei und Phillip Seymour Hoffman zu sehen.

»Ich war wirklich fasziniert von dieser Figur. Bei der Darstellung musste man einen ziemlich komplexen dramatischen Kontrapunkt setzen«, erklärt Gosling. »Einerseits ist er wirklich unabhängig, sehr lakonisch. Er hat eine höchst ökonomische Weise sich zu bewegen und zu reden. Er lässt sich nicht in die Karten schauen. Wenn er auf etwas reagiert, dann mit einem undurchdringlichen Pokergesicht. Das passt perfekt zu dieser Figur, denn das entspricht dieser mechanischen Selbstkontrolle, die ihm zu Eigen ist, wenn er hinter dem Steuer eines Wagens sitzt. Nic sagte immer wieder zu mir: „Der Driver ist halb Mensch, halb Maschine.“«

Gosling fährt fort: »Andererseits ist Driver buchstäblich psychotisch, nicht wahr? Er ist ein Typ wie Travis Bickle, der Taxi Driver. Hinter all dieser gespenstischen äußerlichen Ruhe versteckt sich ein gewaltiger Speicher für eine geradezu rasende Energie und leicht entflammbare Gewalt. Das ist, wie wenn man in einem Auto die Straße entlang fährt und alles läuft geschmeidig, stabil, sicher – und dann kreuzt ein anderes Auto deinen Weg. PENG. All diese Energie, diese Masse-mal-Geschwindigkeit-Stoßkraft entlädt sich mit einem Mal in einem Blitz aus körperlicher Gewalt.

Und das steckt in Driver. Er navigiert sich scheinbar mühelos um jedes erdenkliche Hindernis mit diesem makellosen Fahrvermögen, buchstäblich und in übertragenem Sinne entkommt er stets ohne einen Kratzer. Aber wenn dann unerwartet der Moment des Aufpralls kommt, dann ist es gewalttätig. Es beutelt einen körperlich. Die Herausforderung besteht darin, das Publikum diese eng aufgespulte Energie fühlen zu lassen, wenn Driver geschmeidig vor sich hintickt wie eine Stoppuhr.«

In der Rolle der Irene, das Objekt der Begierde von Driver, besetzte Refn Carey Mulligan, die sich als Fan von Bronson und Walhalla Rising erklärt. Refn sagt: »Seit meinen Teenagertagen bin ich ein riesiger Fan von Sixteen Candles. Ich habe mir immer schon vorgestellt, mich irgendwann einmal vor diesem Film verbeugen zu können. Und auch, wenn es unwahrscheinlich erscheint, mit Drive habe ich genau das gemacht. Carey hat diese wunderbare Intelligenz und Ausstrahlung, die auch die junge Molly Ringwald ausgezeichnet haben. Die romantischen Szenen zwischen ihr und Ryan bilden einen sehr zärtlichen und schönen Kontrast zu der Brutalität, die sich durch den Rest des Films zieht.«

Superstar Ryan Gosling und sein Regisseur Nicolas Winding Refn erfinden mit dem ebenso lässigen wie präzisen Großstadtthriller vom Ende der Nacht das Actionkino neu, unterstützt von dem saumäßig coolen Soundtrack von Cliff Martinez. Für seine eindringliche Regieleistung wurde Refn letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet. Das Erfolgsteam von Drive wird schon bald wieder miteinander arbeiten: Der dänische Regisseur bereitet zurzeit ein neues Projekt mit Ryan Gosling in der Hauptrolle vor. ■ mz


OT: Drive
USA 2011
Drama/Action/Krimi
FSK: keine Jugendfreigabe
101 min

mit
Ryan Gosling (Driver) Tommy Morgenstern
Carey Mulligan (Irene) Natascha Geisler
Bryan Cranston (Shannon) Ronald Nitschke
Albert Brooks (Bernie Rose) Frank-Otto Schenk
Oscar Isaac (Standard) Viktor Neumann
Christina Hendricks (Blanche) Christin Marquitan
Ron Perlman (Nino) Tilo Schmitz
James Biberi (Cook) Michael Iwannek
John Pyper-Ferguson (Kerl in der Bar) Stefan Fredrich
Russ Tamblyn (Doc)
Andy San Dimas (Stripper)
u.a.

musik
Cliff Martinez

kamera
Newton Thomas Sigel

drehbuch
Hossein Amini
basierend auf dem Roman von James Sallis

regie
Nicolas Winding Refn

produktion
Bold Films
Odd Lot Entertainment
Marc Platt Productions
Motel Movies

verleih
Universum

12.02.2012 | mz |
Kategorien: ohne