Montag, 20. Mai 2019

Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen, John C. Reilly
© 2012 Paramount Pictures/Melinda Sue Gordon

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Der sagenhafte Sacha Baron Cohen kehrt zurück auf die Leinwand und wieder einmal kümmert er sich herzlich wenig um die Grenzen des guten Geschmacks: Der Diktator erzählt (politisch völlig unkorrekt) die heldenhafte Geschichte eines Machthabers, der um jeden Preis verhindern will, dass sein schönes Land, welches er voller Hingabe unterdrückt, ins Chaos der Demokratie gestürzt wird.

Nachdem Admiral General Aladeen nach Amerika geladen wird, um sein nukleares Atomprogramm zu rechtfertigen, wird er in dem von ihm liebevoll titulierten „Geburtsort von Aids“ kurzerhand gekidnappt und durch einen ihm zum Verwechseln ähnlich sehenden Ziegenhirten ersetzt.

Der Diktator findet sich daraufhin schutz- und obdachlos in New York wieder, bis er auf einen „kleinen Mann“ trifft, der, wie sich herausstellt, die Besitzerin eines veganen Ökoladens ist und ihm Asyl bietet. Doch Admiral General Aladeen duldet kein Asyl, sondern will seine 14-stündige Rede vor den Vereinten Nationen halten!

Der Stoff basiert auf dem Roman „Zabibah and the King“, der zunächst anonym veröffentlicht worden war, dann aber als literarisches Werk des ehemaligen irakischen Despoten Saddam Hussein enttarnt wurde – eine Paraderolle für den Briten Sacha Baron Cohen, der bereits als kruder kasachischer Journalist Borat im gleichnamigen Kinoerfolg das Publikum mit intelligentem Humor zum Johlen brachte, und wenig später als schwuler österreichischer Fashionexperte Brüno für Lachanfälle und volle Kinosäle sorgte.

Der Diktator vereint Baron Cohen einmal mehr mit dem originellen Autor und Regisseur Larry Charles, der bereits bei Borat und Brüno Regie führte: »Der Film begann in Wirklichkeit vor über zwei Jahren. Die Tatsache, dass sich, während wir den Film gedreht hatten, der ►„Arabische Frühling“ entwickelte, beeinflusste uns hinsichtlich der Locations und dem Drehplan. Aber da waren wir nun, entwickelten das Projekt. Und das dann in den Nachrichten zu sehen, war irgendwie unheimlich.«

Die Schwierigkeiten des Projekts faszinierten Baron Cohen und den Regisseur. Charles: »Es gibt eine Vielzahl von Schichten darin. Es gibt eine politische Schicht in dem Film, die mit einer einzigartigen Sichtweise über die moderne, reale Weltpolitik spricht. Diese benutzen wir dann, um die grundsätzlichen Anschauungen unserer Gesellschaft zu hinterfragen – Was ist Demokratie? Was ist ein Staat? Wenn große Staaten von Konzerninteressen, Lobbyisten und derartiger Einflüsse beherrscht werden – was bedeuten dann die Grenzen unseres Staates?

Gibt es ein Amerika? Oder ist Amerika nur eine Marke? Ist Demokratie nur ein Wort? Was bedeutet eigentlich Diktatur? Welches System ist das beste für die Menschen, und welches funktioniert letztendlich? Es gibt Leid in allen politischen Systemen, daher untersuchen wir, wie die Medien über diese Geschichten, Themen und Aspekte berichten. Wir haben uns also mit all diesen Dingen bewusst beschäftigt, was dem Film mehrere Schichten neben der Handlung selbst verpasst. Und wir liefern das als Komödie ab. Wir glauben, es ist genauso lustig wie die anderen Filme, wenn nicht noch lustiger.«

„Ich spucke auf die Vereinten Nationen. Warum sollte ich auf die Vereinten Nationen hören? Wissen Sie, dass sie mich eingelden haben, zu sprechen? Wissen Sie, wieviel Zeit sie mir zum Sprechen gegeben haben? Sieben Minuten! Wissen Sie, was ich zu ihnen gesagt habe? Ich werde 14 Stunden lang sprechen! Und einiges davon wird buchstäblich unübersetzbar sein, wissen Sie? Babygeräusche…“ [macht Babygeräusche]

Ein wichtiges Muss für die Produktion war es, eine Genehmigung zu bekommen, die Anti-Aladeen-Demonstration vor dem UN-Gebäude zu filmen. Nach der Einladung, diverse Dramas inner- und außerhalb des Gebäudes zu filmen, war dies das erste Mal, dass die Organisation sich mit einer Komödienproduktion konfrontiert sah. Als jedoch bekannt wurde, dass einer der Handlungspunkte eine Nation auf ihrem Weg zur Demokratie beinhaltete, gab die UNO schließlich grünes Licht.

Solche Kollisionen zwischen dem Realen und dem „Fast“-Realen gingen an Sir Ben Kingsley nicht spurlos vorbei: »Ich glaube Sacha ist genauso furchtlos wie Charlie Chaplin, als dieser sich dazu entschloss, Der Große Diktator zu drehen. Das war 1940. Ich habe kürzlich die DVD bekommen und war erstaunt, dass er zu so früher Kriegszeit entstanden ist. Noch bevor die USA 1941 einbezogen wurde, machte er Witze, nicht nur auf Hitlers Kosten, sondern auch über Nazideutschland und dem faschistischen Italien. Es ist ein gnadenlos witziger Film und ein großartiges Stück Satire, und total zeitgemäß. Ich denke Sacha und Chaplin haben sehr viel gemeinsam.«

Ben Kingsley spielt nicht zufällig in Sacha Baron Cohens Film mit. Beide trafen sich erstmals am Set von Martin Scorseses Oscar®-prämierten Drama ►Hugo Cabret, bei dem sich ihr gegenseitiger Respekt und Achtung vertiefte. »Wir hatten uns ein wenig ausgetauscht – „Mag Ihre Arbeit“, „Mag Ihre Schuhe“ – solche Sachen«, scherzt Sir Ben. Die Beiden trafen sich dann später in New York mit Larry Charles wieder, um das neue Projekt zu diskutieren.

»Es gab eine enorme Verbindung zwischen uns Dreien«, berichtet Charles über die Rekrutierung Kingsleys. »Wir sprachen über den Film und das Leben allgemein. Wenn man sich die verschiedenen Porträts ansieht, die er über die Jahre hinweg gezeichnet hat, sieht man, dass er praktisch alles machen könnte. Was wir aber von ihm wollten, war, zu versuchen, nicht lustig zu sein, sondern ernst. Und das sollte dann lustig sein. Und er hat das Konzept so ziemlich mit Begeisterung angenommen.«

Bei den Dreharbeiten wurde viel Improvisationstalent gefordert. In den vorangegangenen Produktionen wurde ja einfach nur drauf los gefilmt, um Baron Cohens Improvisationstalent vorzuführen. Diesmal jedoch handelt es sich um eine richtige Handlung, der gefolgt werden muss. Allerdings machen 90% des Films Improvisationen aus, was man schließlich auch merkt, wenn plötzlich nach einer Szene plötzlich etwas Vorangegangenes angesprochen wird: Ach ja, da war ja noch etwas – Handlung!

»Es gibt einen enorm großen Talentfundus von Schauspielern, die unglaublich facettenreich, unglaublich eklektisch sind, und außerdem die Gabe haben, sehr spontan und improvisierend zu sein. Manch einer blüht in dieser Umgebung sogar auf«, beobachtet Charles. »Wir alle mochten Anna Faris’ Arbeit, weshalb wir sie auch in dem Film haben wollten… Anna ist eine furchtlose Darstellerin. Sie besitzt ein Image, von dem sie bereit war, sich komplett davon zu verabschieden.«

Faris war mehr als gewollt, vom Drehbuch abzuweichen, bot sich die Gelegenheit dazu: »Wir improvisierten eine Menge. Es gab ein Drehbuch. Und ich würd’ sagen, wir folgten dem Drehbuch zu etwa 10 Prozent. Die Autoren saßen hinter den Monitoren und warfen uns die ganze Zeit über die Zeilen zu – verschiedene Gags, verschiedene Ideen… Und Sacha ist ein Genie in Sachen Improvisation. Die Herausforderung als Schauspieler war also, während der Szenen bei der Sache zu bleiben. Man muss also ins kalte Wasser springen und mit ihnen spielen können. Auf diese Weise konnte man viel mitnehmen.«

Über ihre Rolle der Zoey, dessen Frisur an die von Maggie Grace in ►Lockout erinnert (kurz, schwarz, strähnig), und von Aladeen als jungenhaft gesehen wird, erzählt sie: »Sie ist ein Mädchen, das nichts mit Ästhetik am Hut hat. Ich mag meinen Look in dem Film sehr. Er fühlt sich individuell und so gar nicht eitel an, was lustig ist. Sogar mein Achselhaar ist echt. Es ist dreieinhalb Monate lang gewachsen und ich möchte nicht, dass irgendjemand es als Fake betrachtet!«

„Die Art und Weise, wie sich Ahmadinedschad kleidet, ist eine Blamage für Diktatoren! Er sieht aus wie ein Spitzel bei Miami Vice! Ich meine: Warum trägt er nie eine Krawatte? Ist im Iran jeden Tag Lockerer Freitag?“

Und Irans Präsident ist nicht der Einzige, der in dem Film erwähnt wird. Der politisch schwarze Humor des Films macht vor keinem Halt. Aladeen lässt ja immer wieder Doubles finden, die ihn bei öffentlichen Ärgernissen Anlässen vertreten sollen, um etwaigen Anschlägen auf sein Leben auszuweichen. Als er dann stolz erzählt, wie die Amerikaner das Double von Osama Bin Laden getötet hatten und der Echte in seinem Palast gastiert, gehen bei allen Anwesenden die Alarmglocken an.

Eines der Highlights des Films ist auch seine Schlussrede bei den Vereinten Nationen, bei der er unsere Gesellschaft mit seiner Diktatur vergleicht und spätestens dann den unerwarteten Zuspruch des Publikums bekommt. Das ist einmalig, aber auch wahr! Doch bis es soweit ist, wird im Film die gesamte (Welt-)Politik, vor allem aber und erneut die USA durch den Kakao gezogen. Nichts und niemand ist vor Aladeens bissigen Bemerkungen sicher.

Der Diktator ist nicht nur eine Komödie über einen solchen, sondern vor allem bissige Polit- und Gesellschaftssatire, gepaart mit Sacha Baron Cohens exhibitionistischen Absurditäten, die, zum Ärgernis, leider durch diverse Fäkalitäten das sonst positive Gesamtbild schmälern. Verzeihung, das Aladeen Gesamtbild! Im Film wird erzählt, dass der Diktator einige englische Wörter in der wadiyanischen Rechtschreibung mit Aladeen übersetzen ließ, z.B. positiv und negativ, gut und schlecht, was oftmals zu Verwirrungen führte. Daher ist es ein Einfaches, die Filmkritik mit der Bewertung abzuschließen: Der Film ist einfach nur Aladeen! ■ mz

OT: The Dictator
USA 2012
Komödie
FSK: 12
80 min

mit
Sacha Baron Cohen (General Aladeen)
Anna Faris (Zoey)
Ben Kingsley (Tamir)
Jason Mantzoukas (Nadal)
Kevin Corrigan (Slade)
Erick Avari (Omar)
John C. Reilly ()
B.J. Novak ()
Olivia Dudley (Schwester Swetlana)
Aasif Mandvi ()
Megan Fox (selbst)
u.a.

musik
Erran Baron Cohen

kamera
Lawrence Sher

drehbuch
Sacha Baron Cohen
Alec Berg
David Mandel
Jeff Schaffer

regie
Larry Charles

produktion
Four by Two Films
KanZaman Services
KanZaman

verleih
Paramount

Kinostart: 17. Mai 2012

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15.05.2012 | mz |
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