Mittwoch, 22. Mai 2019

Martin Sheen auf dem Jakobsweg
© Koch Media

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Tom Avery ist ein erfolgreicher Augenarzt aus Kalifornien. Sein Leben abseits der Arbeit beschränkt sich auf Golfspielen im Country Club. Erst ein schicksalhafter Anruf verändert alles: Toms erwachsener Sohn Daniel ist auf dem Jakobsweg ums Leben gekommen. Im Gegensatz zu seinem Vater hielt es Daniel nie lange an einem Ort aus, ein Nomade, immer bereit Neues zu entdecken und das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Um seinen Sohn nun auf seiner letzten Reise zurück nach Hause zu begleiten, setzt sich Tom in das nächste Flugzeug nach Spanien. Dort angekommen, steht er vor seiner bisher größten Aufgabe. Wie soll er die Trauer um seinen Sohn verkraften und warum hatte dieser mystische Ort solch eine unerklärliche Anziehungskraft auf seinen Sohn? Tom begibt sich selbst auf die Suche nach Antworten und er ahnt auch, wo er diese finden wird: entlang des Camino.

Ein Unterfangen, in das sich der Einzelgänger zunächst alleine stürzt, nur um schon bald von einer kleinen Truppe schillernder Mitpilger begleitet (und genervt) zu werden. Jeder mit einem eigenen Päckchen beladen, kämpfen sich Tom, die Kanadierin Sarah, der mit seinem stetigen Übergewicht belastete Holländer Joost und der Ire Jack fortan durch skurrile, traurige und herzerwärmende Zeiten.

Das bislang persönlichste Projekt für Emilio Estevez (sein Großvater stammte aus der Nähe von Santiago de Compostela), erlebte seine Premiere auf dem Toronto Filmfestival und sorgte nicht nur dort für Beifallsstürme, sondern konnte auch die US-Presse für sich begeistern. Dein Weg ist eine ernsthaft komische Geschichte mit starken Figuren, lebensnahen Dialogen und wunderbaren Landschaftsaufnahmen, ein mit leichter Hand und ohne jedes Pathos inszenierter Film, dem es gelingt, die besondere Kraft des Jakobswegs zu vermitteln.

Im Laufe zahlreicher Gespräche kamen Emilio Estevez und sein Vater Martin Sheen überein, Spanien ihren Tribut zu zollen, um das Land, in dem die Wurzeln der Estevez-Familie liegen, wiederzuentdecken – ein Unterfangen, bei dem sich der Jakobsweg als idealer Partner erwies. Während Spanien die Kulisse bildet, gilt das Hauptthema des Films der Selbstfindung, ein Sujet, das Menschen jeden Alters und jeder Herkunft betrifft – genau wie der Jakobsweg selbst, der im Laufe von Jahrhunderten das Leben von Millionen Pilgern verändert hat.

Im Film gelingt es einem Vater erst nach dem Tod seines Sohnes, dessen Existenz und Beweggründe wirklich zu begreifen – und dabei zu sich selbst zu finden. Als zentrales Motiv des Films schält sich jener innere Konflikt heraus, den jeder schon einmal erfahren hat: die Frage nämlich, ob wir uns für ein bestimmtes Leben entscheiden oder ob wir einfach nur vor uns hinleben.

Die Umstände unseres Lebens beeinflussen natürlich, ob und wie wir uns selbst erkennen, unsere Familie und Freunde, und welche Entscheidungen wir treffen. Gehen wir blind durchs Leben, in Unkenntnis unseres Handelns? Und inwiefern beeinflusst es nicht nur unsere eigene Existenz, sondern auch die unserer Mitmenschen? Welche Rolle spielen bei all unseren Entscheidungen die Gemeinschaft, in der wir leben, Freundschaften und unser Glaube?

Fast schon naturgemäß gilt der Jakobsweg als ultimative Metapher für den menschlichen Lebensweg. Die Fußspuren entlang seiner vielbegangenen Pfade dienen zwar zur Führung, aber sie bewahren einen nicht vor Fragen, die von den meisten Menschen inmitten ihres hektischen Alltags gar nicht als solche erkannt werden. Der Jakobsweg bietet wenig, hinter dem man sich verstecken könnte.

Die Reise des Lebens ist das Leben selbst – ganz egal, auf welcher Straße, auf welchem Camino wir uns gerade befinden. Und was uns definiert, sind unsere Menschlichkeit (uns selbst und anderen gegenüber), unsere Vergangenheit und unsere Zukunft. Begeben wir uns also auf die Reise unseres Lebens. Buen Camino!

Für die einen ist es ein Familienfilm – immer wieder sieht man im Abspann den Namen Estevez auftauchen. Für die anderen ist dieser Film ein Jakobsweg. Jeder sieht etwas anderes in ihm – Dokumentierung, Drama, Langeweile, Komödie, Religion, Roadmovie… Auf jeden Fall macht er Appetit auf diesen Selbsterfahrungstrip – einen abenteuerlichen Weg mit seine verschiedenen Möglichkeiten, begangen zu werden.

Die Beweggründe für eine Wanderung entlang des Jakobswegs sind so unterschiedlich und zahlreich wie die Menschen, die sich dieser körperlichen und geistigen Herausforderung stellen. Manche, die den, Camino Francés genannten, Hauptweg bewältigen, sind religiös motiviert, andere sehen darin in erster Linie eine sportliche Herausforderung, viele sind auf der Suche nach einem spirituellen Erlebnis, wieder andere wollen mentale Grenzen überwinden. Aber, dass der Jakobsweg hauptsächlich einer wie auch immer gearteten Selbsterfahrung dient, darüber dürfte bei allen Pilgern Einigkeit herrschen.

Erstmals erwähnt wurde der Camino de Santiago im Jahr 1047 als „Weg, der seit alten Zeiten von Pilgern des heiligen Jakobus und Peter und Paul begangen“ wird. Tatsächlich gibt es unzählige offizielle Routen, die nach Santiago de Compostela im nordwestspanischen Galizien führen, doch wenn vom Jakobsweg die Rede ist, ist im allgemeinen der Camino Francés gemeint. Er beginnt im französischen Saint-Pied-de-Port im Baskenland, quert die Pyrenäen und verbindet die alten Königsstädte Jaca, Pamplona, Estella, Burgos und Léon.

Am Verlauf der Route hat sich seit dem 11. Jahrhundert kaum etwas geändert: Wanderer, die den gelben Pfeilen entlang der rund 880 Kilometer langen Wegstrecke durch die nordspanische Landschaft folgen, müssen bis zu 30 Kilometer am Tag durch Dörfer und Städte, entlang von Flüssen und Straßen, über Berge und durch Täler bewältigen, um rechtzeitig für die Nachtruhe das nächste Refugio (spezielle Pilgerherbergen) zu erreichen – Orte, an denen sie sich von den Strapazen des Tages erholen und zugleich mit einheimischem Essen, der Kultur und Geschichte der Gegend vertraut machen können.

Hält ein Wanderer dieses Pensum ein, kann er die Kathedrale von Santiago, in der täglich zur Mittagsstunde eine Pilgermesse abgehalten wird, innerhalb von sechs bis acht Wochen erreichen. Einige brauchen länger oder nehmen sich einfach mehr Zeit, andere sind schneller unterwegs. Manche entschließen sich dazu, die Wegstrecke mit dem Fahrrad zurückzulegen, die meisten gehen zu Fuß, aber auch Reiter sollen auf dem Jakobsweg schon gesichtet worden sein.

Die Mehrheit führt eine Jakobsmuschel mit sich – als Symbol dafür, dass sie die Reise zu Ehren des heiligen Jakob unternehmen. Der Legende nach war der Leichnam des Apostels, der einst die Iberische Halbinsel bekehren wollte, von diesen speziellen Muscheln bedeckt, als man seine sterblichen Überreste an der galizischen Küste fand. Viele Jakobswanderer haben, abgesehen von einem Rucksack und guten Wanderschuhen, außerdem einen Wanderstock dabei, der ihnen (nicht nur) auf den beschwerlichsten Streckenabschnitten gute Dienste leistet.

Ebenfalls unverzichtbar: der Pilgerausweis, eine Art Pass, der an wichtigen Stationen abgestempelt wird und am Endpunkt, in Santiago de Compostela (vorausgesetzt, man hat zumindest die letzten 100 Kilometer nachweislich zu Fuß zurückgelegt) zu einer Abschlussurkunde, der sogenannten Compostela, berechtigt. Diese bescheinigt dann den Besuch der Kathedrale von Santiago de Compostela und damit das Ende der Wallfahrt auf dem Jakobsweg.

Neben solchen Fakten zeigt der Film auch das eine oder andere Abenteuer auf, mit dem sich ein Pilgerer konfrontiert sieht. Einige davon adaptierte Estevez aus den Geschichten von Jack Hitt. 2010, als Emilio Estevez an Originalschauplätzen entlang des Jakobswegs seinen Film drehte, wurden rund 200.000 Pilger auf dem Camino gezählt – die meisten von ihnen beflügelt von dem Motto „Mit den Beinen nach Santiago, mit dem Herzen zu Gott“.

Warum man aus dem englischen „Der Weg“ ein „Dein Weg“ gemacht hat, bleibt schleierhaft, denn der Film spricht nicht den Zuschauer direkt an, sondern erzählt eine Geschichte über vier Menschen, die „ihren“ Weg gehen. Der deutsche Titel nimmt irgendwie die geistige Kraft aus dem Originaltitel und verlangt vom Zuschauer, sich selbst dort einzubringen. Ganz im Gegenteil: Es wird im Film nichts vom Zuschauer verlangt, außer vielleicht, sich den Film komplett anzusehen! Wenn der Zuschauer dann doch über „seinen Weg“ nachdenkt, hat der Film seine Wirkung vollbracht und alle sind glücklich.

Dein Weg ist ein glänzend gespielter, mitfühlender Film, der mit seinen lebensnahen Figuren gegen Vorurteile kämpft und zeigt, dass sich komplett unterschiedliche Menschen zusammentun können und am Ende lachend ihre Animositäten ablegen, die sie vorher gegen sich hegten, denn sie haben erkannt, was Sinn und Zweck des Ganzen war – der Weg. ■ mz

OT: The Way
USA/E 2010
Drama
FSK: 0
120 min

mit
Martin Sheen (Tom) Wolfgang Condrus
Deborah Kara Unger (Sarah) Martina Treger
James Nesbitt (Jack) Erich Räuker
Yorick van Wageningen (Joost) Tobias Meister
Spencer Garrett (Phil) Peter Flechtner
Emilio Estevez (Daniel)
Renée Estevez (Doreen)
William Holden (Cal)
Tchéky Karyo (Captain Henri)
Ángela Molina (Angelica)
Romy Baskerville (Eunice)
u.a.

musik
Tyler Bates

kamera
Juan Miguel Azpiroz

drehbuch
Emilio Estevez
basierend auf dem Buch „Off the Road: A Modern-Day Walk Down the Pilgrim’s Route into Spain“ von Jack Hitt

regie
Emilio Estevez

produktion
Filmax Entertainment
Icon Entertainment International
Elixir Films

verleih
Neue Visionen

Kinostart: 21. Juni 2012

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20.06.2012 | mz |
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