Mittwoch, 22. Mai 2019

Noch gibt es ruhige Tage im Bett für Marion und Mingus.
© Senator/Jojo Whilden

► Trailer | IMDb | Filmseite

Es ist ein großer Schritt in einer Beziehung: Das erste Treffen mit der Verwandtschaft. Da ist Nervosität ganz selbstverständlich, und es dauert eine Weile, bis man mit jedem warm wird. Doch meistens geht alles glatt. Wenn man nicht in Mingus’ Haut steckt. Denn niemand hat den armen Kerl vor den Franzosen gewarnt!

2 Tage Paris war der Überraschungserfolg des Jahres 2007 – eine hinreißend spontane Independentkomödie, so romantisch wie ein François Truffaut, so witzig wie Woody Allen. Obwohl Sequels von Kultfilmen oft zum Scheitern verurteilt sind, ging Julie Delpy mit 2 Tage New York das Wagnis ein – und gewinnt auf ganzer Linie. Witzig und unterhaltsam spricht sie Themen an, die uns alle bewegen: Familie, Politik, Sex, Ideale, Religion, Sex, Gott und die Welt!

Fünf Jahre sind vergangen, seit Marion mit ihrem amerikanischen Freund einen katastrophalen Kurzurlaub bei ihren Eltern in Paris verbrachte. In der Zwischenzeit hat sich die Fotografin von Jack getrennt und lebt mit dem gemeinsamen kleinen Sohn in New York. Frisch verliebt in Mingus, der selbst alleinerziehender Vater einer siebenjährigen Tochter ist, glaubt Marion, einen witzigen, verständnisvollen Partner gefunden zu haben. Fürs Leben? Das wird sich zeigen. Jedenfalls gestaltet sich das Zusammenleben in der gemeinsamen Wohnung ausgesprochen harmonisch. Bis jetzt…

Marion steckt in den letzten Vorbereitungen für eine Ausstellung ihrer jüngsten Fotoarbeiten. Die Vernissage, auf der sie auch, als eine Art konzeptuelles Statement, „ihre Seele verkaufen“ will, soll bereits in zwei Tagen stattfinden. Außerdem spielen ihre Hormone verrückt, doch ein Schwangerschaftstest, den sie heimlich macht, ist negativ.

Mingus hat ebenfalls Stress: Der Politikjournalist schreibt nicht nur Artikel für die Village Voice, sondern muss auch an seine zwei täglichen Radiosendungen denken. Doch Marions kauziger Vater Jeannot (hier auch wieder von Delpys Vater brillant gespielt) und ihre neurotische Schwester Rose haben ihr Kommen angekündigt, um nach dem Tod von Marions Mutter mit der kleinen Restfamilie zusammenzurücken.

Und genau deshalb versucht Marion, sich zu freuen, zumindest ein bisschen. Aber natürlich passiert genau das, was sie insgeheim befürchtet hatte: Der Besuch aus Frankreich stürzt das Paar sofort in Turbulenzen. Die beginnen mit der Hiobsbotschaft, dass Jeannot am Flughafen vom Zoll festgehalten wird, weil er einen großen Vorrat an Käse und Würsten ins Land schmuggeln wollte. Der zweite Schock: Jeannot und Rose reisen nicht allein, sondern haben Roses Freund Manu im Schlepptau, einen selbstgefälligen Zeitgenossen, der zufällig auch Marions Ex ist.

Rose scheint nichts als Sex im Kopf zu haben, spaziert gern nackt durch die Wohnung und kann unermüdlich mit ihrer Schwester streiten. Jeannot versteht grundsätzlich alles falsch. Und Manu, der sich an Marions Esstisch ungeniert die Zehennägel schneidet und ein Obama-T-Shirt trägt, nervt mit seiner anbiedernden „Schwarz ist geil“-Attitüde. Und dann ist da noch die nervig laute Klingel, die repariert werden muss…

»Ich dachte: Okay, warum eigentlich keine Fortsetzung?«, sagt Delpy. »Aber mir war klar, dass ich kein Sequel mit der selben männlichen Besetzung drehen konnte. Das würde zu sehr an Before Sunrise und Before Sunset erinnern«, zwei wundervolle romantische Komödien, in denen sie unter der Regie von Richard Linklater gemeinsam mit Ethan Hawke die Hauptrolle gespielt hat. »Aus Respekt vor diesen beiden Filmen und vor Richard und Ethan konnte ich das einfach nicht tun.«

Also verbrachte Delpy die letzten Jahre damit, sich ihrer Gewohnheit entsprechend Notizen zu machen und die nächsten Schritte in Marions Leben auszuarbeiten. »Marion scheint von Beziehung zu Beziehung zu driften. Sie ist nicht hinter einem Ehering, einer Heirat her. Ihr geht es um Verbundenheit, darum, dass die Chemie zwischen zwei Menschen stimmt. Sie will herausfinden, was für sie wichtig ist im Leben«, sagt Delpy. »Das ist der ernste Teil.«

Alle guten Komödien besitzen, so weiß Regisseurin Delpy, Herz und Wahrhaftigkeit. »Ich gehe gern von realistischen Voraussetzungen aus – nicht zwangsläufig von Dramen, sondern von Realitäten. Ich würde immer ein Thema wählen, das ein Drama sein könnte. Es muss nicht unbedingt eine lustige Geschichte sein. Das stelle ich dann mit verrückten Situationen und Figuren auf den Kopf – so wird eine Komödie daraus.«

Das Erste, worüber sie sich klar werden musste, war: Wer ist Marions neuer Lebenspartner? Und die Antwort darauf fiel ihr nicht schwer. »Ich dachte: Ich will, dass sie einen neuen Freund hat. Wer könnte das wohl sein? Die erste Person, die mir in den Sinn kam, war Chris Rock.« Auf den ersten Blick scheint es so, als wolle Delpy von einem Paar mit unterschiedlicher Hautfarbe erzählen, doch das war nicht der Fall. »Darum ging es nie. Ich liebe einfach Chris’ Energie. Er hat eine neurotische Seite, die ich wirklich mag. Außerdem hat er so eine Angst um sich selbst. Die macht ihn liebenswert und ich dachte, dass dies der Beziehung eine interessante Dynamik geben würde.«

Nachdem Delpys Entscheidung über Marions Partner gefallen war, verpflichtete sie zwei alte Freunde, um ihre Geschichte fortzuentwickeln: Alexia Landeau und Alex Nahon, die bereits im ersten Film zu sehen waren. »Ich kenne Alex seit ich 19 war und Alexia seit ungefähr 14 Jahren.« Mit Landeau zusammen schrieb Delpy schließlich auch das finale Drehbuch.

Der Film beginnt damit, dass Marion eine kurze Zusammenfassung der vorangegangenen Ereignisse gibt. Sie erklärt ihrem Kind (und dem Zuschauer), warum sie eine alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Sohn ist und dass Großvater und Tante Rose zu Besuch kommen werden – alles dargestellt mit Handpuppen. »So habe ich es mit meinem eigenen Sohn gemacht«, erklärt sie. »Ich wollte ihm erklären, was mit meiner Mutter geschehen ist, und dass ich selbst wieder arbeiten musste. Für mich war das der perfekte Weg, ihm diese Dinge zu erklären, ohne dass er sich verlassen fühlte.«

Es ist leicht zu erkennen, dass Delpys Sinn für Komik auf dem Humor der klassischen Screwballkomödien fußt, die sie verehrt. »Ich liebe dieses Genre«, sagt Delpy. »Ich bin mit den unterschiedlichsten Arten von Komödien aufgewachsen, aber ich liebe absurde Komik.« Und absurd geht es dort ständig zu.

In einer großartigen Szene versucht Mingus vergeblich, beim Dinner ein vernünftiges Gespräch mit Jeannot zu führen. Da der nur gebrochen Englisch spricht, bekommt er „Hilfe“ von Manu, der die Sprache genauso schlecht beherrscht und jedes Wort von Mingus falsch übersetzt: „Kann man dich nicht im Radio hören?“ – „Ja, ich habe zwei Sendungen bei einer öffentlichen Radiostation und eine bei Sirius.“ – „Er sagt, er hat eine Erkältung, es ist vielleicht was Ernstes.“

2 Tage New York ist französisch-neurotisches Kino vom Feinsten, das aus der Feder von Woody Allen hätte stammen können. Der Film macht Spaß, ist skurril und chaotisch – allerdings im positiven Sinne. Auch diesmal wieder in einer kleinen Gastrolle mit dabei: Daniel Brühl als Naturaktivist, der sich als „Eichenfee“ im Fernsehen tummelt. Das ist Kino mit Herz, Schmerz und ohne Kommerz. ■ mz

OT: 2 Days in New York
D/F/B 2012
Komödie/Drama
FSK: 12
96 min

mit
Chris Rock (Mingus) Viktor Neumann
Julie Delpy (Marion)
Albert Delpy (Jeannot)
Alexia Landeau (Rose)
Alex Nahon (Manu)
Kate Burton (Bella)
Dylan Baker (Ron) l
Daniel Brühl (Die Eichenfee)
Talen Riley (Willow)
Owen Shipman (Lulu)
Vincent Gallo
u.a.

kamera
Lubomir Bakschew

drehbuch
Julie Delpy
Alexia Landeaut
Alexandre Nahon

regie
Julie Delpy

produktion
Polaris Films
Tempête Sous un Crâne
Senator Film Produktion
Saga Film
Alvy Productions
In Production
TDY Filmproduktion
BNP Paribas Fortis Film Fund
Protozoa Pictures

verleih
Senator

Kinostart: 5. Juli 2012

http://ws.amazon.de/widgets/q?rt=tf_ssw&ServiceVersion=20070822&MarketPlace=DE&ID=V20070822%2FDE%2Fangelonemedia-21%2F8003%2F946adf00-7138-448c-a8b6-ee27011e63a8&Operation=GetDisplayTemplate Amazon.de Widgets

04.07.2012 | mz |
Kategorien: ohne