Montag, 20. Mai 2019

Rafe Spall als William Shakespeare © Sony Pictures

Die Debatte um die Urheberschaft der Werke von Shakespeare begann vor mehr als 100 Jahren. Wer hat sie verfasst, all die Stücke, die gemeinhin dem bärtigen Barden von Stratford-upon-Avon zugeschrieben werden? War er wirklich das Genie, dem wir das tragische Leben Hamlets, die brennende Liebe Romeos und Lady Macbeths peinigende Schuld zu verdanken haben? Ist es wirklich wahrscheinlich, dass der Intellekt, der hinter den brillantesten Figuren der Literaturgeschichte steht, diesem sehr gewöhnlichen Jedermann aus Stratford gehörte?

Tatsächlich weiß man so wenig über diesen Mann, dass es vielen als unmöglich erscheint, der Sohn eines gänzlich ungelehrten Händlers könne der Autor literarischer Meisterwerke wie „Der Kaufmann von Venedig“, „König Lear“ und „Henry V“ sein.

Seine akademische Ausbildung in einer einfachen Dorfschule konnte Shakespeare niemals mit einem Vokabular ausstattet haben, das umfassend genug ist, um damit die meistdiskutierte Literatur in der Geschichte der Welt verfassen zu können. Es gibt auch keine Beweise, dass er fremde Länder bereist hat, noch dass er deren Sprache hatte erlernen können.

Die einzige schriftliche Dokumentation, die Historiker eindeutig Shakespeare zuordnen können, sind ein paar Unterschriften auf offiziellen Dokumenten, in denen er seinen Namen wenigstens sechsmal verschieden schrieb (Shaksp, Shakspe, Shakesper, Shakespere, Shakspere und Shakspeare). Abgesehen von den Stücken, die man ihm zuschreibt, gibt es keinerlei Manuskripte, Briefe, Tagebücher oder Gedichte, die von ihm stammen, was ziemlich erstaunlich ist, wenn man überlegt, dass es sich um seinen Nachlass handelt.

Sein Tod im Jahr 1616 blieb unbeachtet. Anders als im Falle anderer gefeierter Schriftsteller seiner Zeit und seiner des Lesens und Schreibens nicht mächtigen Frau und den Kindern wurde nur sein „zweitbestes Bett“ (kein Geld) zugestanden. Noch schockierender ist, dass in seinem letzten Willen Bücher oder Manuskripte nicht einmal erwähnt werden.

Zu den „Anti-Stratfordern“, also Männer, die überzeugt sind, dass es berechtigten Zweifel daran gibt, bei Shakespeare handle es sich tatsächlich um den Verfasser all dieser Werke, gehören literarische Größen, Lehrer, Schriftsteller, weltbekannte Schauspieler, Regisseure und Gelehrte wie Sigmund Freud, Orson Welles, Mark Twain, Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman, Sir Derek Jacobi und Sir John Gielgud. Manche favorisieren Gruppentheorien, dass ihrer Ansicht nach ein Kollektiv von Schreibern verantwortlich für die Stücke ist. Andere wiederum präferieren einzelne Schriftsteller wie Edward de Vere, der Earl von Oxford, Francis Bacon oder Christopher Marlowe.

Oxford ist vielleicht der führende alternative Kandidat innerhalb der Zirkel der Anti-Stratforder, weil es so viele bemerkenswerte Verbindungen zwischen dem Edelmann und dem Schriftsteller gibt. Es gibt eine ganze Reihe signifikanter Tatsachen, die die Argumente für Oxford stützen, die auch Stratforder nicht einfach von der Hand weisen können.

Dazu gehört, dass Oxford eine 16-monatige Reise durch Europa unternahm, die ihn zu all den italienischen Städten führte, über die Shakespeare sehr überzeugend schreibt, darunter Padua, Mailand, Verona, Mantua, Florenz und Siena.

Ein weiteres Indiz ist, dass „Hamlet“ beinahe gespenstisch in fast autobiografischer Form Parallelen zu Oxfords Lebensweg aufweist, mit seinem Schwiegervater William Cecil als Polonius und seiner Tochter Anne Cecil als Ophelia. Königin Elisabeth selbst, auf der Gertrude basiert, war für Oxford seit dessen zwölftem Lebensjahr eine regelrechte Ersatzmutter und wurde später seine Liebhaberin. War es wirklich purer Zufall, dass in Oxfords annotierter Kopie der Genfer Bibel Passagen angestrichen waren, die von Shakespeare benutzt wurden, oder dass Oxfords Spitzname „Spear Shaker“ war?

Im Gegensatz dazu glauben die Stratforder ohne einen Anflug von Zweifel, dass William Shakespeare aus Stratford in der Tat jener Mann ist, der 37 Stücke und 154 Sonette verfasst hat. Für sie stellt sich die Frage nach der Urheberschaft nicht. Alle Werke, die Shakespeare zugeschrieben werden, sollen ihrer Ansicht nach tatsächlich von dem berühmten Stückeschreiber stammen, der nach London zog, um dort sein Glück zu finden.

Ihre Ansicht wird von vier gewichtigen Argumenten unterstützt: Der Name „William Shakespeare“ stand auf vielen der Titelseiten seiner Gedichte und Stücke, die zu seiner Lebenszeit veröffentlicht wurden. Ben Jonson bezieht sich auf den Autor im Vorwort der ersten gedruckten Stückesammlung, in der er ihn den „süßen Schwan von Avon“ nennt. Diese wurde sieben Jahre nach Shakespeares Tod veröffentlicht.

Die befreundeten Schauspieler Heminges und Condell, die in seinem Testament genannt werden, verweisen in der Gesamtausgabe auf ihn als Autor. Und die Inschrift seines Grabsteins in Stratford weist darauf hin, Shakespeare sei ein Schriftsteller gewesen.

Für die gesamte Historie dieser Periode gilt, dass es kaum zuverlässige Dokumente gibt. In jeder Theorie lassen sich leicht Ungereimtheiten oder Löcher entdecken, aber über Shakespeare weiß man tatsächlich noch weniger, als über die anderen Schauspieler und Schriftsteller dieser Zeit. Shakespeare war ein Schreiber, der zu Lebzeiten geschätzt, aber nicht unbedingt verehrt wurde. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stürzten sich die Romantiker und Viktorianer mit Begeisterung auf sein Werk und erweckten das Interesse an ihm neu.

1978 hielten die Richter John Paul Stevens, William Brennan und Harry Blackmun des Obersten Gerichtshofes der USA aus Spaß einen Prozess über die Urheberschaft. Richter Brennan, der vorsitzende Richter in diesem Fall, kam zu dem Schluss, dass dem Earl of Oxford nicht zweifelsfrei die Urheberschaft zugesprochen werden konnte. Richter Blackmun fügte indes hinzu, dass dieser Beschluss zwar die juristische Antwort sei, er aber bezweifele, dass es sich um die korrekte Antwort handelte.

Bis es eine Zeit geben sollte, in der unbestreitbare Beweise gefunden werden, die eine der beiden Theorien ohne jeden Zweifel stützen, gibt es zumindest theoretisch keinen richtigen oder falschen Schluss in dieser Sache. Eine wichtige Frage bleibt allerdings bestehen. So lange diese Meisterwerke in unserem kulturellen Bewusstsein weiterleben, spielt es dann wirklich eine Rolle, wer Shakespeare war? ■ mz

14.11.2011 | mz |
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