Mittwoch, 24. Juli 2019

Roman Polanski (Mitte) inszeniert seine vier Darsteller
John C. Reilly, Jodie Foster, Christoph Waltz und Kate Winslet © Constantin Film

Zwei Elfjährige prügeln sich auf einem Spielplatz, einem der beiden Jungen werden dabei Zähne ausgeschlagen. Die Eltern des „Opfers“, Penelope und Michael haben die Eltern des „Übeltäters“, Nancy und Alan, eingeladen, um den Vorfall wie vernünftige Menschen zu klären.

Was als friedlicher Austausch über Zivilisation, Gewalt und die Grenzen der Verantwortlichkeit beginnt, entwickelt sich schon bald zu einem Streit voller Widersprüche und grotesker Vorurteile. Und schließlich platzt die dünne Haut der bürgerlichen Kultiviertheit auf: Vier Erwachsene geraten aus der Fassung.

Brutal und rücksichtslos werden Grenzen überschritten, provoziert und schließlich deutlich, dass sie alle hinter ihrer zivilisierten Maske einen „Gott des Gemetzels“ anbeten. Auf dem Schlachtfeld dieser Tragikomödie versinkt am Ende nicht nur ein Handy in der Tulpenvase…

Nach seiner Premiere 2006 wurde Yasmina Rezas Stück von Kritik und Publikum bejubelt. Es lief vor ausverkauften Häusern in Paris, London sowie am Broadway und wurde mit mehreren Olivier Awards und Tonys® ausgezeichnet.

Kaum hatte Roman Polanski das Stück gesehen, war ihm klar, dass „Der Gott des Gemetzels“ grandiosen Stoff für einen packenden Kinofilm bietet. Polanski bat die Autorin ihr Stück mit ihm gemeinsam für die Leinwand zu adaptieren.

Der Schauplatz war bereits von Paris nach Brooklyn verlegt worden, als das Stück 2009 am Broadway aufgeführt wurde. So entschloss sich Polanski, die Filmversion ebenfalls in New York anzusiedeln. Dabei legte der Regisseur großen Wert darauf, die Erzählung in Echtzeit beizubehalten: Die Handlung findet ohne Unterbrechungen oder Ortswechsel statt – auch wenn das nicht gerade der bequemste Weg war.

Der polnische Erfolgsregisseur scherte Oscar®-Preisträger und -Nominierte um sich, um das erfolgreiche Theaterstück auf die Leinwand zu bringen. Von den vier Hauptdarstellern hat lediglich John C. Reilly noch keinen goldenen Mann entgegennehmen können, war jedoch für seine Rolle in Chicago dafür nominiert.

Walk Hard ist nicht nur die Story des fiktiven Dewey Cox, den Reilly in der Parodie von Walk the Line glamourös spielte. Jetzt versucht er sich auch in einem anspruchsvollen Film, der aber trotzdem eine Komödie ist, um nicht vielleicht doch eines Tages einen Oscar® in den Händen halten zu können.

»Yasminas Dialoge sind brillant«, schwärmt er. »Jedes Mal, wenn man denkt: ‚Jetzt ist Schluss‘, sagt jemand: ‚Nein, ich gehe noch nicht, ich habe noch etwas zu sagen‘. Und so geht es immer weiter, sie schaukeln sich gegenseitig hoch, bis ihnen am Ende alles um die Ohren fliegt. Ein ziemlich vernichtendes Porträt amerikanischer Eltern.«

Hauptgrund hierfür ist Penelope, die einfach nicht locker lassen will, bis alle zu einer Einigung gekommen sind, die nach ihren Wünschen erfolgt. »Sie ist politisch engagiert, korrekt und nimmt alles viel zu ernst. Am Anfang wirkt sie noch ganz normal. Aber im Verlauf der Handlung wird sie immer mehr zur Karikatur«, erzählt Jodie Foster.

»Die große Herausforderung war, den Film in Echtzeit zu drehen«, sagt sie weiter. »Jeder Übergang, jede Überleitung findet im Hier und Jetzt statt – im Bild. Aber das Stück ist so großartig geschrieben, dass es ziemlich leicht war, von einem Gefühlszustand in den nächsten zu fallen. Ich habe schon viele Filme an nur einem einzigen Ort gedreht.

Wenn man einen Film mit nur vier Personen macht, entsteht automatisch eine Intimität zwischen den Schauspielern, die sich so intensiv sonst nicht erzeugen lässt. Dies war die schönste Kameradschaft, die ich je bei einem Projekt erlebt habe. Ich liebe diese Kollegen und war richtig traurig, als ich sie nicht mehr jeden Tag sehen konnte.«

Roman Polanski organisierte zwei intensive Probenwochen, damit sich die Schauspieler kennen lernen konnten, und um den Ton des Films zu finden, der zwischen Satire, Komödie und Drama changiert. Die Probenphase half Kate Winslet auch, jene Szene in den Griff zu bekommen, die ihr am meisten Kopfzerbrechen bereitete: Die, in der sie betrunken eine Schimpftirade loslässt, nachdem sie sich eben noch im Strahl über Penelopes kostbare Kunstbücher erbrochen hat.

»Ich finde Proben immer toll«, schwärmt Winslet. »Es ist eine solche Freude und ein echter Luxus, die Möglichkeit dazu zu haben. Aber keiner von uns hätte geahnt, dass Roman uns alle das gesamte Drehbuch auswendig lernen lassen würde, von der ersten bis zur letzten Zeile. Wie ein Theaterstück eben.

Ich war begeistert, dass wir das Ganze komplett durchgespielt haben, denn so kannte jeder seine Position, als wir schließlich ans Set kamen. Das half uns und auch Roman, denn so konnte er den Dreh für sich besser strukturieren. Die Proben haben uns eng zusammengeschweißt. Es macht Spaß, an so einer Aufgabe zu wachsen und Zeit mit so versierten, brillanten Kollegen zu verbringen. Der Ehrgeiz, sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist wunderbar.«

Bei so viel Gelobhudele ist es schwer, Kritikpunkte zu finden. Es sind auch nicht wirklich welche vorhanden. Vor- und Abspann wirken öde wie ein Bildschirmschoner – wild und planlos spielende Kinder auf dem Spielplatz – im Hintergrund New York. Man sieht den Vorfall, der das Treffen der Eltern auslöst, während im Vordergrund Titel und Namen erscheinen.

Ansonsten besticht das Kammerspiel durch seinen Sprachwitz und messerscharfe Dialoge, hoch qualitativ agierende Schauspieler als auch durch das unsichtbare, Oscar®-prämierte Team Polanskis. Das Tolle ist, man erkennt die Figuren aus dem wahren Leben wieder – kein Wunder, denn Yasmina Reza studierte Soziologie und Theaterwissenschaften. Es ist einfach eine Freude, zuzusehen, wie sich die Vier gegenseitig anfetzen.

Was allerdings Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, ob der Cobbler, den Penelope serviert, ein Kuchen oder ein Pie ist. Eigentlich geht man ja davon aus, dass Kuchen die deutsche Übersetzung von Pie ist. So ist aber auch Cake. Meine Nachforschungen haben ergeben:

Der Cobbler ist ein eher inkonsistenter amerikanischer Früchtekuchen mit Streuseln, oft ohne Boden zubereitet. Ein Pie ist ein Kuchen mit Boden, Krustenrand und einer Füllung. Und ein Cake ist das, was hierzulande als Rührkuchen gilt. Da bleibt mir nur zu sagen: Guten Appetit! ■ mz

Trailer | IMDb | Filmseite


OT: Carnage (Le dieu du carnage)
F/D/PL/E 2011
Komödie/Drama
FSK: Freigegeben ab (6)
81 min

mit
Jodie Foster (Penelope Longstreet) Hansi Jochmann
Kate Winslet (Nancy Cowan) Ulrike Stürzbecher
Christoph Waltz (Alan Cowan) Christoph Waltz
John C. Reilly (Michael Longstreet) Jacques Breuer
u.a.

musik
Alexandre Desplat

kamera
Pawel Edelman

drehbuch
Yasmina Reza (Original-Theaterstück)
Roman Polanski

regie
Roman Polanski

produktion
SBS Productions
Constantin Film Produktion
SPI Film Studio
Versatil Cinema
Zanagar Films
France 2 Cinema

verleih
Constantin Film

Kinostart:
24. November 2011

31.10.2011 | mz |
Kategorien: ohne