Sonntag, 29. November 2020
1917
Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkrieges sollen die beiden britischen Soldaten Schofield und Blake eine nahezu unmögliche Mission erfüllen: In einem unbarmherzigen Wettlauf gegen die Zeit müssen sie sich tief in Feindesgebiet wagen und eine Nachricht überbringen, die verhindern soll, dass Hunderte ihrer Kameraden in eine tödliche Falle geraten. Auch das Leben von Blakes Bruder hängt vom Gelingen dieser Mission ab.
  • 1917 01
    »Cheer up, thirstie! Next week it's chicken dinner.«
    Lance Corporal Schofield
Ausnahmeregisseur und Oscar®-Preisträger Sam Mendes inszenierte die höchst riskante Mission zweier Soldaten größtenteils in Echtzeit und lässt dadurch das Publikum an einem nervenaufreibenden Drama teilhaben. Es ist nicht nur die kontinuierliche Kameraaufnahme, auch die Kamerabewegungen sind teilweise so genial gemacht, dass man sich fragt, wie es Sam Mendes‘ langjähriger Kamerachef Roger Deakins geschafft hat, diese Aufnahmen ohne Rüttler flüssig und sanft zu bewerkstelligen, und vor allem, wie es die doch recht unbekannten Jungschauspieler geschafft haben, ohne Verhaspler ihre Szenen zu spielen. Immerhin findet um sie herum doch hin und wieder Krieg statt.
Um es klar zu sagen: 1917 wurde nicht in einer Aufnahme gedreht, sondern in einer Reihe von längeren, unbearbeiteten Aufnahmen, die nahtlos miteinander verbunden werden konnten, um so auszusehen und sich so anzufühlen, als wäre es eine einzige, unbearbeitete Aufnahme. Da es keinen Schnitt innerhalb einer Szene gibt, ist der Zuschauer, ähnlich wie Schofield und Blake, nicht in der Lage, sich von der Mission zu entfernen, die vor ihnen liegt.
Die One-Shot-Vorgabe machte es unerlässlich, die Szenen während der viermonatigen Proben festzulegen und das Layout der Sets im Detail zu besprechen. Nachdem festgelegt worden war, wie sich die Schauspieler in den Szenen bewegen würden, war es möglich, die Kamerabewegungen genau auszuarbeiten. Beim normalen Filmemachen gibt es immer die Möglichkeit, Dinge in der Nachbearbeitung zu verbessern oder zu ändern, erklärt Sam Mendes.
»Dein normaler Denkprozess geht so: ‚Wir könnten um diesen Moment rumschneiden oder diese Szene kürzen oder wir nehmen die ganze Szene raus.‘« sagt der Regisseur. »Das war bei diesem Film nicht möglich. Es gab einfach keine andere Lösung. Es musste vollständig sein. Der Tanz der Kamera und der Mechanik musste mit dem, was der Schauspieler tat, synchron sein. Es war berauschend, wenn wir das erreichten. Aber es bedurfte immenser Planung und immenser Fähigkeiten der beteiligten Kameramitarbeiter.«
Roger Deakins musste oft mit dem Schärfenzieher und DIT in einem kleinen weißen Van sein und die Kamera fernbedienen, auch wenn sie getragen wurde. Da sie die Kamera häufig über weite Entfernungen kontrollieren mussten, war es sehr knifflig. »Manchmal hatten wir eine Kamera, die von jemandem getragen wurde und die dann an einem Draht aufgehängt wurde«, sagt Sam Mendes. »Der Draht trug sie über weiteres Land. Sie wurde wieder losgehakt, der Bediener lief mit ihr los und stieg dann auf einen kleinen Jeep, der ihn noch 400 Yard weiter fuhr, und er stieg wieder aus und rannte um die Ecke.«
Da der Film den Eindruck erwecken sollte, als wäre es eine Aufnahme, die hauptsächlich im Freien gedreht wurde, verließ sich Roger Deakins auf ein möglichst natürliches Licht, was bedeutete, dass Mutter Natur für den Dreh genauso verantwortlich war wie die Filmemacher. Anstelle von blauem Himmel und direktem Sonnenlicht, das Schatten mit sich bringt, die schwer zu drehen und für die Kontinuität unmöglich sind, betete die Produktion, dass der Himmel immer bedeckt sein sollte.
»Mit unserem Außenfilm waren wir sehr abhängig von Licht und Wetter«, sagt der Kamerachef. »Und wir erkannten, dass man ihn nicht wirklich beleuchten kann. Wenn man einen Schützengraben entlanglief und sich um 360 Grad dreht, gibt es nirgendwo einen Platz für eine Lampe. Da wir in der Handlungsreihenfolge drehten, mussten wir unter einer Wolkendecke drehen, um die Kontinuität von Szene zu Szene zu gewährleisten. An manchen Morgen war die Sonne draußen und wir konnten nicht drehen. Also haben wir stattdessen geprobt.«
Die Herausforderung bei der Zusammenführung der Schnitte in 1917 bestand darin, dass jede Szene mit unglaublicher Präzision aufgenommen werden musste, damit zwei Bilder auf der Leinwand nahtlos miteinander verschmelzen konnten. Die gewissenhafte Aufmerksamkeit auf Details fügte eine weitere Ebene der Kontinuität hinzu, da das Tempo angepasst werden musste, ebenso wie andere Elemente in der Szene, wie das Wetter, die Besetzung und die Sets.
Um die Figuren nahtlos von einem Schnitt zum nächsten zu bringen, sorgte Sam Mendes dafür, dass es eine Reihe von subtilen Möglichkeiten dafür gab. Die Figuren konnten durch Türen und Vorhänge gehen, oder sie betraten einen Bunker, oder es wurde mit einer Silhouette, oder einer Körperbewegung gearbeitet, oder man nutzte ein Vordergrundelement oder eine Requisite… oder sogar eine 360-Grad-Aufnahme.
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Diese Aufnahmetechnik vermittelt dem Publikum ein authentisches, greifbares Gefühl dafür, was diese Jungs durchgemacht haben würden. »Der Grund, warum ich mich bei dieser Geschichte dafür entschieden habe, ist, dass ich von Anfang an der Meinung war, dass es in Echtzeit erzählt werden sollte«, sagt Sam Mendes. »Das Gefühl der zurückgelegten Distanz ist sehr wichtig. Aber es ist auch, was am wichtigsten ist, eine emotionale Entscheidung, die einen hoffentlich noch enger mit der Reise der beiden Hauptfiguren verbindet.
Ich wollte, dass ein Publikum jeden Schritt der Reise mit ihnen macht, jeden Atemzug atmet. Es war keine Entscheidung, die dem Material danach auferlegt wurde. Ich hatte die Idee gleichzeitig mit der Idee für die Story – Stil, Form und Inhalt kamen alle zur gleichen Zeit zusammen. Du fängst an, die Erzählung so zu konstruieren, dass jede Sekunde Teil eines kontinuierlichen, ungebrochenen Fadens ist.«
Und man ist tatsächlich an der Seite der Boten dabei, mittendrin im weitläufigen Kriegsgelände. Wenn die Soldaten den Mannschafts-Lkw aus dem Morast schieben, schiebt man förmlich mit! 1917 ist ein Kriegsfilm, der zwar ruhige Momente besitzt, dann aber Explosionen und Gewehrpatronen neben einem in der Mauer einschlagen. Der Film ist nichts für Schreckhafte. Er ist im Gefühl des Mittendrin-Dabeiseins intensiver als Saving Private Ryan oder Edge of Tomorrow (auch wenn dieser einen fiktiven Krieg erzählt). Die Video- und Tontechnik wird auf dem aktuellen Stand voll ausgereizt.
1917 wurde von Geschichten des Großvaters des Regisseurs, der über dessen Erlebnisse als Lance Corporal im Ersten Weltkrieg erzählte, sowie über die bunten Figuren, die er während dieser Zeit traf, inspiriert. Im Jahr 1917 war Alfred H. Mendes 19, als er in die britische Armee eintrat. Aufgrund seiner kleinen Statur (1,62m) wurde er als Bote an der Westfront eingesetzt.
Der Nebel, der über dem Niemandsland lag, hing bis zu einer Höhe von etwa 1,67 Metern, so dass der junge Sprinter in der Lage war, Nachrichten seitlich von Posten zu Posten zu bringen. Seine Größe bedeutete, dass er für den Feind nicht sichtbar war, und er rannte buchstäblich um sein Leben. Während des Krieges wurde Alfred verletzt, überlebte einen Gasangriff und erhielt eine Medaille für seine Tapferkeit. In seinen späteren Jahren zog der Schriftsteller aus Trinidad zurück an seinen Geburtsort in Westindien, wo er seine Memoiren schrieb.
»Ich war immer fasziniert vom Ersten Weltkrieg, vielleicht, weil mein Großvater mir davon erzählt hat, als ich noch sehr jung war, und vielleicht auch, weil ich das Konzept von Krieg davor nicht wahrgenommen hatte«, sagt der Filmemacher. »Unser Film ist fiktiv, aber bestimmte Szenen und Aspekte davon stammen aus Geschichten, die er mir erzählt hat, und aus Geschichten, die ihm von seinen Kameraden erzählt wurden. Diese einfache Idee (ein einzelner Mann, der eine Botschaft von einem Ort zum anderen trägt) vergaß ich nie und sie wurde zum Ausgangspunkt für 1917.«

07.07.2020 | mz
Kategorien: Feature | Filme