Mittwoch, 13. Dezember 2017
The Big Sick
Kumail und Emily kommen sich näher.
© While you were comatose LLC

2012 traf Kumail Nanjiani auf dem SXSW-Festival auf Judd Apatow, dessen Serie Girls dort Premiere feierte. Die Zwei kannten sich schon flüchtig von Fast verheiratet, den Judd Apatow produziert hatte und in dem Kumail eine kleine Nebenrolle spielte. Kumail erzählte Judd von seiner Zeit in Chicago und wie er seine Frau Emily Gordon kennenlernte. Judd meinte sofort: »Daraus sollte man einen Film machen!« und holte seinen langjährigen „Partner in Crime“ Barry Mendel an Bord. Darauf folgten jede Menge Treffen, die zu jeder Menge E-Mails führten, die zu zahllosen Drehbuchentwürfen führten und schlussendlich, vier Jahre später, zu The Big Sick.

Der Sundance-Publikumsliebling basiert auf der wahren Geschichte der Drehbuchautoren Emily Vance Gordon und Kumail Nanjiani und ist eine dieser berührenden Geschichten, wie sie nur das Leben schreiben kann. Mit viel Herz und Humor erzählt der Film eine Geschichte über Liebe und Verzeihen, Familienzwist und das Überwinden kultureller Grenzen.

»I wonder who this might be...«

Kumail verdient sein Geld damit, andere zum Lachen zu bringen. Und in der Tat hat er viel Stoff zum Witze reißen - zum Beispiel über seine Familie, die in Amerika lebt, als wäre sie noch in Pakistan, oder über die vielen potenziellen Ehefrauen, die ihm seine Mutter sorgfältig ausgewählt präsentiert. Nach einem seiner Auftritte lernt er die quirlige Frohnatur Emily kennen, die den gleichen Humor hat wie er.

Obwohl beide anfangs auf ihrem Single-Dasein beharren, verfallen sie einander schließlich hoffnungslos. Doch Emily erfüllt nicht das wichtigste Kriterium, das Kumails Familie an seine Zukünftige stellt: Sie ist keine Pakistanerin. So steht Kumail bald vor der Frage, ob er auf seine Familie oder auf sein Herz hören soll. Als Emily schließlich dahinter kommt, dass Kumail nie vorhatte, sie seinen Eltern vorzustellen, trennt sie sich enttäuscht von ihm. Dann wird sie plötzlich von einer rätselhaften Krankheit befallen und muss ins künstliche Koma versetzt werden.

Kumail wird auf einmal klar, wie viel ihm an Emily liegt, und will nicht von ihrer Seite weichen. Am Krankenbett trifft er Beth und Terry, Emilys Eltern, die den Mann, der ihrer Tochter das Herz gebrochen hat, nicht gerade herzlich willkommen heißen. Während sie sich um das Leben ihrer Tochter sorgen, können sie deren Ex-Freund vor Ort gar nicht gebrauchen.

»You know, it might be a good thing,
like she might wake up with a new skill.«

Natürlich entsprechen nicht alle Details des Films den Tatsachen. Emily betont zum Beispiel, dass ihr Vater ihre Mutter niemals betrogen hat. Aber für die Geschichte war es wichtig, dass die beiden ihre eigene bewegende Geschichte bekamen. Desweiteren entspricht es nicht der Wahrheit, dass Emily und Kumail sich vor Ausbruch der Krankheit getrennt hatten, was im Film auch ein wenig die Unstimmigkeit verstärkt, die das Paar von Anbeginn begleitet.

Das mag vielleicht daran liegen, dass Emily nicht sich selbst spielt und Kumail daher ein wenig reservierter an die Sache herangeht. Die Chemie der beiden Schauspieler scheint nicht so recht zu stimmen, auch wenn die Handlung etwas anderes behauptet. Erst ab der Filmmitte, als Kumail Emilys Eltern begegnet, scheint alles ein wenig wahrhaftiger und flüssiger. Diese Kumpel-Beziehung zwischen Kumail und Emilys Vater Terry ist viel stimmiger als die zu Emily, was vielleicht auch daran liegen mag, dass er und Ray Romano Stegreifkomker sind.

Schließlich platzt der Knoten, und alles scheint sich zu entspannen. Man weiß, das Ende des Film naht, doch, da wir wissen, dass der Film auf einer wahren Geschichte beruht, bleibt man gespannt, wie Emily und Kumail letztlich doch noch zueinander finden, um das glückliche Paar zu werden, das diesen Film verzapft hat. Hätte man die Geschichte nicht verändert und die eine oder andere Improvisation weggelassen, die zu den inhaltlichen Änderungen führten, wäre der Film sicherlich stimmiger und vor allem kürzer geworden.

Mit guten 2 Stunden Laufzeit quält man sich schon ein wenig durch die erste Hälfte. Man quält sich mit Kumail durch die verschiedenen Vermittlungsversuche seiner Mutter wie auch die Witze seines Stegreifkollegen Chris, die sich stets durch einen Nachsatz von selbst neutralisieren. Neben der eigentlichen (Liebes-)Geschichte verläuft schließlich auch noch Kumails eigenes Leben als Stegreifkomiker, das hier ebenfalls zu gleichen Teilen beleuchtet wird, die Aufs und Abs, die Talentsucher im Publikum oder auch Kumails eigenes Ein-Mann-Stück über sein Leben als Pakistaner, die heimische Kultur, Geschichte und Cricket.

»I didn't heckle you, just woo-hoo'd you. It's supportive.«

Bitte nicht falsch verstehen! Das gehört da schon mit rein, doch ein bisschen weniger von allem hätte dem Film nicht weh getan, eher anders herum. Aber gut, so wollte es Produzent Judd Apatow haben, so bekommen wir es zu sehen. Wir bekommen aber auch großartige Schauspieler zu sehen, allen voran natürlich Holly Hunter, um die es in den letzten Jahren eher ruhig geworden ist. Voriges Jahr war sie als Senatorin Finch in Batman v Superman: Dawn of Justice zu sehen, dieses Jahr außerdem in Terrence Malicks Song to Song, und derzeit verleiht sie wieder Elastigirl a.k.a. Helen Parr in der Fortsetzung von Disneys Superhelden-Animations-Spaß Die Unglaublichen, die im Herbst nächsten Jahres in die Kinos kommt, ihre Stimme.

Aber auch eine andere Größe spielt hier mit: Als es um die Besetzung der Rollen seiner Eltern ging, rief Kumail seinen Vater an und fragte: »Wer soll dich spielen?« und er antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Anupam Kher The Big Sick war für den großen Bollywood-Star (seiner Rechnung nach) sein 500. Film! Da seine Visumsgenehmigung auf sich warten ließ, stieß er verspätet zu den Dreharbeiten, weshalb die Familienszenen der Nanjianis innerhalb von drei Tagen abgedreht werden mussten. Währenddessen bestanden Kumails Eltern darauf, am Set vorbeizukommen und dem Star bei der Arbeit zuzuschauen.

Anupam Kher ist aber auch kein unbeschriebenes Blatt jenseits der Heimat. Er war u.a. in Silver Linings, Ich sehe den Mann deiner Träume, Liebe lieber indisch oder Kick it like Beckham zu sehen. Die Rollen der anderen Stegreifkomiker im Film wurden mit Kumails befreundeten Kollegen Aidy Bryant, Bo Burnham und Kurt Braunohler besetzt. Ihr Geist trug maßgeblich der familiären Authentizität der Szenen bei, ebenso wie die Tatsache, dass diese in der Bar gedreht wurden, in der Kurt Braunohler seit zwei Jahren Shows veranstaltete.

The Big Sick kommt nicht ganz so stimmig herüber, wie alle behaupten, ist jedoch eine nette Romanze mit viel natürlichem Witz und Drama, was auch zusammen mit den Nebenschauspielern den Film rettet. Nichts gegen Kumail Nanjiani, der seine Geschichte so korrekt wie möglich darbot, oder die ewig knuffige Zoë Kazan, die ihr Bestes versuchte, aber entweder hätte Emily sich selbst spielen sollen oder Kumail hätte sich von jemand anderem spielen lassen sollen. Ebenso zwiespältig war die Darstellung der Muslime - einerseits zeigte man entgegen der üblichen Konzeption hier also eher einfache Leute, die normale Dinge tun, andererseits stand nach 9/11 Kumails muslimische Herkunft wie ein Elefant im Raum, wenn er die Bühne betrat, und er begann, seine Shows mit dem Satz: „Keine Sorge, ich bin einer von den Guten“, zu eröffnen. Dann war das Publikum sofort entspannt. Und das Kinopublikum ist es hinterher genauso. ■ mz

18. November 2017

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The Big Sick
Fast verheiratet
Ich sehe den Mann deiner Träume
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