Dienstag, 24. Oktober 2017
Interview mit Arne Feldhusen
Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt
Bjarne Mädel, Charly Hübner, Annika Meier, Arne Feldhusen,
Sven Regener, Marc Hosemann und Detlev Buck bei der Premiere am 19. Juli 2017

Arne Feldhusen begann seine Karriere als Regie- und Schnittassistent. Zudem unterstützte er während der 1990er Jahren Fernsehserien und Spielfilme bei der Musikauswahl. 1999 feierte er mit der Dokumentation Strassenkinder in Deutschland sein Regiedebüt. Es folgten zahlreiche Produktionen fürs Fernsehen. So war Arne im Spielfilm Beach Boys - Rette sich wer kann (2002) und in den Komödienformaten Ladykracher und Stromberg als Regisseur verantwortlich.

Während den Dreharbeiten zu Stromberg lernte der aus Rendsburg stammende Regisseur Bjarne Mädel kennen - ein folgenschweres Treffen, das in einer fortdauernden Zusammenarbeit und zu weiteren erfolgreichen Produktionen wie Der kleine Mann (2009) und Mord mit Aussicht führte. Die Serie Der Tatortreiniger, bei der er seit 2011 Regie führt und wo er wieder mit Bjarne Mädel zusammenarbeitet, wurde 2012 in der Kategorie Unterhaltung mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. 2014 erreichte Arne Feldhusen als Regisseur von Stromberg - Der Film im Kino ein Millionenpublikum.

Magical Mystery oder: die Rückkehr des Karl Schmidt basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sven Regener. Wie kam es zur Verfilmung?

Charlotte Goltermann, Sven Regeners Frau, hat großen Anteil daran. Sie half mir bei der Postproduktion des Stromberg-Films und drückte mir irgendwann den Roman in die Hand. In das Buch habe ich mich schockverliebt und bin zu den Razors gerannt, die daraus einen Film machen wollten. Die Razors waren nach der Lektüre meine zweite tolle Erfahrung, schließlich liegen die Rechte guter Bücher nicht immer bei den sympathischsten Firmen. Warum auch immer – die beiden haben sich für mich entschieden, und den Segen von Sven Regener bekam ich zum Glück auch.

Wie wichtig war es, dass Sven Regener das Drehbuch selbst verfasste und wie präsent war er während der Dreharbeiten?

Es war nicht unbedingt wichtig und ich habe damit gar nicht gerechnet, aber dann entschloss er sich, es selber zu schreiben – und damit begann eine tolle Zusammenarbeit. Mir hat es viel Vergnügen bereitet, zu sehen, wie diszipliniert man über einen Haufen Chaoten schreiben kann. Bei den Dreharbeiten hat er einmal Setluft geschnuppert, und mehr hätte mich auch nervös gemacht.

Ob Ralf Husmann, Ingrid Lausund oder jetzt Sven Regener – ich will ja, dass meine Arbeit am ehesten den Autoren gefällt. Das sage ich denen natürlich nicht direkt ins Gesicht, aber es ist so. Das sind ja sehr eigene Dickköpfe, die ich für ihre Kunst verehre und denen meine Inszenierungen gefallen sollen. Die machen mir also unbewusst sowieso den größten Druck – die muss ich nicht noch am Set sehen. Aber verbieten muss ich es ihnen auch nicht, die kommen erst gar nicht.

Karl Schmidt wurde im Herr Lehmann-Film von Detlev Buck gespielt. In Magical Mystery verkörpert ihn Charly Hübner, während Buck „Bumm Bumm“-Macher Ferdi spielt. Wie kam es zu dieser Rollenverteilung?

Ich wollte nicht, dass diese beiden Filme groß miteinander zu tun haben. Magical Mystery sollte nicht direkt an Herr Lehmann anknüpfen, sondern ein eigener Kosmos werden, was Sven auch unterstützte.

Auch haben wir nicht darauf hingearbeitet, dass Buck bei uns seiner alten Figur gegenübertreten soll. Aber es ist genauso gekommen. Buck stand plötzlich in 90er-Jahre- Trainingsjacke vor uns, und nach mehreren Castings wollten wir ihn alle. Ich schätze ihn wahnsinnig. Meinetwegen kann die Welt nur aus Bucks bestehen.

Charly Hübner stand früh fest als Karl Schmidt. Ich hatte mit ihm die Satire Vorsicht vor Leuten gedreht – das war eine tolle Erfahrung. Er ist extrem gut vorbereitet und hat seine Figuren toll im Griff. Trotz aller Konzentration hat man wahnsinnig viel Spaß mit ihm. Er liebt die Figur des Karl Schmidt. Seinetwegen sollte man eine Fortsetzung drehen, damit er Karls Entwicklung weiter ausspielen darf...

In Magical Mystery geht es um die boomende Technoszene der 90er Jahre. Was verbindest du persönlich mit dieser Ära?

Ich habe in der Zeit selber aufgelegt, aber fernab von jedem Rave. Ich fing in einer Dorfdisco an, wo man sich nicht ausprobieren durfte und war danach in Köln glücklich, mich auf möglichst viele Stilarten stürzen zu können. Aber ich habe die Szene immer gut beobachtet und es gab jede Menge Überschneidungen, da mich vieles angesprochen hat, weil es eben mutig und frei war. Musikalisch waren für mich vor allem bestimmte Labels prägend, die mit ihren Veröffentlichungen immer überrascht haben und sich weiterentwickelt haben. Labels wie Playhouse, Ladomat, Force Inc oder Cheap.

In der Raveszene selber war ich nicht verhaftet, daher sprach mich Svens Roman aber auch so an. Da sprach kein nervender Insider, sondern jemand mit guter Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen und originellem Humor. Er beschreibt den Rave-Zirkus mit all seinen Durchgeknallten mit genug Bewunderung und Zuneigung und stellt niemanden bloß. Zudem erinnert sein Humor gekonnt daran, wie unernst sich die Szene meist selber nahm.

War dir das Jahrzehnt noch präsent oder musstest du dich in Sachen 90er-Style und Ausstattung reinfuchsen?

Ich bin 1971er-Jahrgang, komme aus einer Kleinstadt und bin nach dem Abitur eigentlich erst so richtig aufgewacht, also in den 90ern. Trotzdem empfinde ich die 80er immer noch greifbarer, die sind für mich übersichtlicher. Ich musste bei der Recherche erst wieder lernen, was genau die 90er ausgemacht hat – vor allem bei Frisuren, Kleidung und Autos. Musikalisch bin ich da sehr viel sicherer.

Diese Auseinandersetzung mit einer vergangenen Zeit bringt natürlich mächtig Laune, vor allem, wenn man da selber tief drinsteckte. Aber ich weiß nicht, ob ich nochmal historisch drehen würde. Wenn man detailreich arbeitet, ist man plötzlich sehr viel behäbiger und eingeschränkter. Ich suche ja immer Herausforderungen, aber wenn man ständig schauen muss, ob Handys oder nicht zeitgemäße Autos im Bild sind, verschiebt sich schnell der Fokus.

Die Idee für die „Magical Mystery Tour“ hat sich Ferdi bei den Beatles abgeschaut. Hast du dir deren Film extra noch mal angeschaut?

Naja, ich hab es versucht. Er ist genau das, was Musiker gern mal als Idee im Kopf haben. Einen durchgeknallten Film drehen, mit ihnen selbst als Protagonisten und voll mit der eigenen Musik, aber sich jeder Dramaturgie widersetzend und möglichst auffällig obskur. Für diejenigen, die einen Verweis brauchen: Okay, unser Film ist genau so einer geworden.

Die „Bumm Bumm“-Crew besteht aus einem Haufen lustiger Freaks, die aber alle eine melancholische Note haben. Wie hast du die passenden Darsteller gefunden?

Ich hatte schon einige im Kopf, mit denen ich drehen wollte, aber man sucht ja eine in sich funktionierende Truppe, daher braucht man ein Casting als Überprüfung: Wer passt mit wem gut zusammen? Charly war als erster gesetzt, und die Truppe um ihn herum haben wir zusammen mit Suse Marquardt in zahlreichen Castings besetzt. Eine melancholische Note habe ich nicht explizit gesucht, aber um auch eine Komödie etwas anders zu erzählen, hilft neben dem nötigen Sinn für Humor eben auch eine Dosis Tiefgang.

Zwischen Bjarne Mädel und dir besteht durch die lange Zusammenarbeit bei der Serie Der Tatortreiniger sicher eine spezielle Chemie. Hattest du ihn gleich für die Rolle von Werner im Kopf?

Bjarne hat schon eine andere Vergangenheit als ich, und wir haben natürlich auch entgegengesetzte Interessen, auch musikalisch. Daher war das nicht von Anfang an klar. Ich hätte ihn sofort im Kopf, wenn ich ein Drehbuch hätte, wo jemand Posaune spielt. Das wollte er als kleiner Junge nämlich mal, aber da wurde ihm erzählt, dass er dafür zu kurze Arme hätte. Wäre also mehr ein Drama. Ich will eigentlich immer, dass er mitspielt, aber natürlich muss es für uns beide passen. Bei Werner waren wir uns beide einig. Schrägerweise sieht er im Film jetzt ein wenig aus wie Hans Scheibner.

Ferdi und Raimund von „Bumm Bumm Records“ träumen davon, schnellverdientes Geld zu noch mehr Kohle zu machen. Aber ist Magical Mystery eigentlich eine Liebesgeschichte?

Ja, natürlich. Und nicht nur zwischen Charlie und Rosa, sondern auch zwischen Ferdi und Raimund. Ist ja auch total rührend, wie die beiden miteinander umgehen. Und während bei Charlie und Rosa eine sehr eigenwillige, neue Liebe entsteht, sind die beiden Männer bereits wie ein altes Ehepaar. Die streiten sich die ganze Zeit, aber wenn der eine plötzlich zum Sani muss, geht es dem anderen direkt richtig dreckig...

Die ganze Tour verläuft abenteuerlich. Führte das bei den Dreharbeiten zu einem besonderen Teamgeist?

Ich glaube, es war sicher für viele von uns ein sehr aufregender Trip, für einige der jüngeren Darsteller vielleicht auch der bisher aufregendste. Wir hatten da ein äußerst homogenes Ensemble von Individualisten, die sich aufeinander gefreut haben und sich gegenseitig sehr schätzten.

Es gibt einige Cameo-Auftritte von Protagonisten der echten Technoszene der 90er. Wie bist du auf diese Idee gekommen und wie haben sich die prominenten Laiendarsteller vor der Kamera angestellt?

Ich finde es tragisch, wenn sich Künstler selber in ihrer Rolle viel zu ernst nehmen, daher war es mein Plan, einige der Persönlichkeiten aus der Zeit, um die es geht, im Film dabei zu haben. Sie sollten aber in einem völlig anderen Kontext, also in anderen, „kleineren“ Jobs als Randfiguren auftauchen.

Mit Westbam und Justus Köhncke gelang mir das noch, aber schon bei Hans Nieswandt habe ich meinen Plan aufgeweicht und war froh, dass mal jemand an den Decks stand, der etwas von seinem Handwerk verstand. Bei den Voigt-Brüdern bot sich auch einfach organisatorisch nichts Anderes an, als „Club-Betreiber“. Ich war dann einfach nur froh, dass ich sie dabei hatte und die beiden Spaß hatten.

Also die Cameo-Idee hat schon Sinn gemacht, aber der Aufwand wurde doch schnell unverhältnismäßig hoch. Die haben ja alle viel zu tun, sind überall unterwegs und sollen dann plötzlich nach Köln oder Berlin fliegen, um mit 90er-Jahre-Outfit und Frisur nur kurz durchs Bild zu hopsen.

Unterwegs gibt es eine sehr lustige aber auch sehr rührende Beerdigungsszene. Zeigt sich da auch Charly Hübners außerordentliches Talent?

Ich sah die Szene für Charly immer als eine kleine Belohnung, da sich seine Figur im Rest des Filmes so stark zurückhalten muss. Seinem Können ist es auch zu verdanken, dass er sich dann aber eben nicht voll auf diesen Moment draufsetzt und ihn überreizt, sondern ihn schön in der Schwebe hält. Er wäscht den anderen die Köpfe, gleichzeitig erklärt er ihnen seine Liebe und Dankbarkeit.

Es gibt zahlreiche Raveszenen in Magical Mystery. Wie ist es dir gelungen, den Vibe solcher Partys so gut einzufangen und an welchen Drehorten sind diese Szenen entstanden?

Da es in der Geschichte ja genau darum geht, war das die größte Herausforderung. Schließlich sind Clubszenen im Film meistens peinlich unrealistisch. Um diesem Problem auszuweichen, werden solche Szenen meistens überhöht. Ich wollte weder das, noch wollte ich den Fokus auf das Tanzen legen, obwohl es damals ja genug eigenartige Tanzstile gab. Ich wollte schlicht und einfach an das irre Gefühl erinnern, was Tanzwütige in einer perfekten Clubsituation auslösen können, wenn sich alle auf etwas einigen und sie dennoch sie selbst sein dürfen.

Um sich auf das zu vermittelnde Gefühl zu konzentrieren, haben wir unsere eigenen Clubs kreiert und nicht versucht, irgendeinen bestimmten Laden wieder aufleben zu lassen. Wir haben in Köln und Berlin verschiedene aktuelle Clubs wie zum Beispiel das Kölner „Gewölbe“ umgedressed, die sich am besten für unsere Zwecke eigneten. Dazu kamen fantastische Raver und Statisten, die sich vor den Drehs stundenlang warmgetanzt hatten.

Magical Mystery hat einen exquisiten Soundtrack. Du bist selbst ein großer Musik-Fan. Wie liefen die Zusammenarbeit mit Charlotte Goltermann und die Songauswahl?

Charlottes Name war mir bereits in den 90ern ein Begriff, da sie mit ihrem Ladomat-Label meine deutschen Lieblingsplatten herausbrachte. Das war wunderbar verspielte Musik, nicht wirklich einzuordnen und auch deshalb hier und da im Ausland ein Erfolg. Ich erinnere mich an einen Besuch in einem New Yorker Club, wo der DJ die ganze Nacht über fast ausschließlich Ladomat-Platten spielte.

Wenn man mich fragte, was ich so für eine Musik auflege, habe ich immer die Namen der Labels genannt, vorzugsweise die, deren Output so unterschiedlich war wie bei Ladomat, damit ich mich nicht auf einen Musikstil festlegen musste. Ich habe immer versucht, allen Stilen gegenüber offen zu sein und das Publikum zu überraschen und zu fordern. Das ist sicher ein Grund für die heterogene Zusammensetzung der Musik im Film, zum anderen ist da Charlotte!

Die Geschichte um Magical Mystery hat sehr viel mit ihrem Leben zu tun. Daher war es klar, dass ihr Einfluss auf die Musik in diesem Film groß sein wird. Da ich ja schon in den 90ern ihren Geschmack verehrte, haben wir uns bei der gesamten Arbeit um die Musik von Magical Mystery herum immer gut verstanden und gut ergänzt.

■ mz | Quelle: dcm | 19. September 2017

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