Mittwoch, 13. Dezember 2017
Atomic Blonde
Agentin Lorraine Broughton in der Hauptstadt der DDR.
© Focus Features LLC/Jonathan Prime

Die Agentin Lorraine Broughton ist das Kronjuwel des Geheimdienstes Ihrer Majestät. Sie ist die Kombination aus Kalkül, Sinnlichkeit und unerbittlicher Härte und kann auf ihr umfassendes Können vertrauen, um bei der Ausführung eines unmöglichen Auftrags am Leben zu bleiben. Sie ist ganz allein nach Berlin geschickt worden, um eine Liste von Agenten aus der destabilisierten Stadt zu schmuggeln. Um die brandgefährliche Mission bewältigen zu können, muss sie auf die Unterstützung von David Percival vertrauen, dem Stationsleiter, der in Berlin für den MI6 die Fäden zieht.

»Die Russen sind immer so scheiß schwer.«

Der atemberaubende Actionthriller folgt der besten Spionin des MI6 durch eine Stadt, die einer tickenden Zeitbombe gleicht: Revolution liegt in der Luft und Schwärme von Verrätern spielen mit gezinkten Karten. Der Stuntkoordinator und Hilfsregisseur David Leitch, der bei den John Wick-Filmen letzte Erfahrungen und Tipps sammeln konnte, setzt in seinem Regiedebüt Charlize Theron als taffe Schönheit in Szene, angesiedelt irgendwo zwischen Beatrix Kiddo und James Bond.

Mit flotten Sprüchen und einer ebensolchen Tonspur mit Titeln wie „Blue Monday“, „Major Tom“ oder „99 Luftballons“ samt interessanter Coverversionen stimmt der Film die 80er Jahre an, auch wenn man zu jener Zeit, also November 1989, kaum noch NDW-Lieder gehört hat. Die Geschichte ist so komplex, als würde sie von John le Carré stammen. Besonders James McAvoys David Parcival nimmt einen Großteil davon ein, ist er doch die coole Sau, die gekonnt beide Seiten in Schach hält.

Als Femme Fatale ist Sofia Boutella als französische Agentin Delphine Lasalle zu sehen, die nicht nur aus privaten Gründen Lorraine schöne Augen macht. Aber nicht nur erotische Frau-an-Frau-Szenen sind zu sehen, auch wird in dem Film ordentlich ausgeteilt. Dabei besticht die Brutalität wie auch die unmenschliche Ausdauer, was bereits bei im März auf dem SXSW-Festival in Texas für Gesprächsstoff sorgte.

In einer Szene kämpft Charlize Theron mit einem Gartenschlauch gegen die Männer in Grün und in einer anderen bekommt sie es mit russischen Agenten zu tun, die mit der atomblonden britischen Superagentin Lorraine Broughton in einem alten Wohnhaus zunächst im Treppenhaus, dann in einer Wohnung, dann wieder im Treppenhaus „tanzen“. Mit einer Handkamera und vermeintlich ungeschnitten gefilmt, kämpft sie sich mit dem ihr Schutzbefohlenen nach draußen, rast in einem gestohlenen Wagen die Straße herunter und schüttelt ihre Verfolger ab, um schließlich im Fluss zu landen und unterzugehen.

Dabei wird sie so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass man Charlize Theron förmlich ansieht, dass das Ganze wehgetan haben muss. Für Nur-ins-Kinogänger ist das natürlich ein nennenswertes Spektakel, das kaum atemberaubender sein kann, doch gab es in der TV-Serie Banshee eine ganze Episode, in der Ivana Milicevic als Tochter eines russischen Gangsters aus New York gegen dessen Top-Kämpfer und Jugendfreund durch die Bude kämpft, was nicht nur länger als 8 Minuten dauerte, sondern sich auch weitaus intensiver bei den Zuschauenden in den Gehirnen festsetzte und am Ende nicht nur bei den Figuren der Handlung für Erschöpfung sorgte.

»In Deutschland machen wir keine Flüchtigkeitsfehler.«

So sehr der Film auch betonen mag, an den Ereignissen rund um den 9. November 1989 interessiert zu sein, was an der Adaption des Comicromans „The coldest City“ liegen mag, umso mehr gerät der Film auch in eigene Bedrängnis, denn, auch wenn man sich beim Produktionsdesign bemüht hat, hier und dort halbwegs authentische Schilder anzubringen, so fehlte doch gleichzeitig der Sinn für Authentizität der Drehorte - seien es „West“-Ampelmännchen, damals noch nicht übliche Sandbehälter oder ganz krass: BVG-Logos auf U-Bahnzügen aus Budapest, wo ein Großteil des Films sichtbar gedreht wurde.

Man schaffte es jedoch, neben einer eindrucksvollen (Original-?)Luftaufnahme vom Alexanderplatz zur Maueröffnung die Örtlichkeiten visuell derart zu verschmelzen, dass der Weg der Protagonisten im Film für Ortsfremde nachvollziehbar echt aussieht, auch wenn in Wirklichkeit Berlin mit Budapest verschmolzen wird. Charlize Theron, die mit ihrer Produktionsfirma Denver and Delilah und David Leitchs 87Eleven dem Film den recht eigenen Stempel aufgesetzt und sich selbst im rechten Licht in Szene gesetzt hat, konnte neben versierten Schauspielern wie John Goodman, Eddie Marsan oder Toby Jones auch namhafte Deutsche in Nebenrollen besetzen: Til Schweiger und die vor kurzem erst in der TV-Serie 12 Monkeys wieder ins Gedächtnis gerufene Grande Dame des Deutschen Films der 80er Jahre, Barbara Sukowa, die sich natürlich auch in der deutschen Synchronfassung selbst sprechen.

Mit dem langen hellen Mantel und der riesigen Sonnenbrille wirkt Frau Theron schon mal wie „die Knef“, doch kann der Film nicht so wirklich die passende Atmosphäre schaffen, wie sie 1989 vor der Maueröffnung empfunden wurde. Besonders peinlich ist dabei am Ende die Einblendung „Paris“, die mit „London calling“ untermahlt ist, aber in Budapest gedreht wurde. Am Ende bleiben lediglich die Brutalität der Kampfszenen wie auch die nostalgischen Lieder der 80er hängen, was sich beides nicht unmittelbar mit den Comicroman in Verbindung bringen lässt. Dieser war übrigens, wie auch die Örtlichkeiten damals, monochrom und trist gezeichnet.

Wenn man den Film sieht, kommt man nicht umhin, manchmal an Miami Vice zu denken. Wer sich jedenfalls nicht so sehr um Authetizität kümmert und auf schwungvolle Filme mit brutaler Action und Sex-Appeal steht, dem sei Atomic Blonde empfohlen - allerdings nur in der Originalfassung, denn die sprachlichen Feinheiten gehen in der Synchronisation verloren. Und besonders bei Michael Pan, der Toby Jones spricht, hat man mittlerweile ganz andere Assoziationen, wenn man dessen Stimme hört! ■ mz

28. August 2017

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