Dienstag, 24. Oktober 2017
Der Wein und der Wind - Interview mit Cédric Klapisch
Cédric Klapisch am Set
© StudioCanal

Cédric Klapisch wurde als Sohn jüdischer Eltern 1961 in Neuilly-sur-Seine geboren. Seine Großeltern wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Auschwitz deportiert und kamen im Konzentrationslager ums Leben. Nach dem Baccalauréat studierte er zunächst Philosophie. Das Studium brach er aber ab, um sich 1982 an der Filmhochschule La Fémis zu bewerben. Die Bewerbung wurde schließlich abgelehnt.

Danach begann er ein Studium der Filmwissenschaft. In seiner Abschlussarbeit mit dem Titel „Le non-sens au cinéma, 6ème sens du 7ème art“ beschäftigte er sich mit Tex Avery, Woody Allen und den Marx Brothers. Eine erneute Bewerbung an der La Fémis wurde wiederum abgelehnt. 1984 zog er dann in die USA und besuchte dort für zwei Jahre die New York University. Zwischen 1983 bis 1985 drehte er seine ersten Kurzfilme.

Nach dem Studium kehrte er nach Frankreich zurück und drehte einige Dokumentationen für das französische Fernsehen. Einen ersten Erfolg verbuchte er 1989 mit dem Kurzfilm Ce qui me meut, der ihm 1990 eine Nominierung für den César einbrachte und später den Namen seiner Produktionsfirma, die er 1998 zusammen mit Bruno Lévy gründete. Mit Kleine Fische, große Fische drehte er 1992 seinen ersten Spielfilm, für den er wiederum eine Nominierung für den César erhielt.

Mit ...und jeder sucht sein Kätzchen schuf Cédric Klapisch 1996 eine besonders gelungene Stadtteilstudie, die ihre Wirkung durch Authentizität bezieht. Er wurde dafür unter anderem auf der Berlinale mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien auch der Film Typisch Familie!, der in Frankreich über zwei Millionen Zuschauer in die Kinos lockte. Der Film wurde mit drei Césars ausgezeichnet, unter anderem erhielt Cédric Klapisch den Preis in der Kategorie „Bestes Drehbuch“.

1999 drehte er den Science-Fiction-Film Peut-être mit Jean-Paul Belmondo, Romain Duris und Julie Depardieu. Der Film entpuppte sich als Flop an den Kinokassen und erhielt zumeist negative Kritiken. Mit seinem nächsten Film, L’Auberge espagnole, konnte er wieder Erfolge feiern. In kommerzieller Hinsicht ist der Film mit über fünf Millionen Zuschauern weltweit sein bisher erfolgreichster Film geworden und war unter anderem für den Europäischen Filmpreis nominiert. Die 2005 erschienene Fortsetzung L’Auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg konnte an den Erfolg des ersten Teils anknüpfen und erhielt ebenfalls positive Resonanz von Kritikern.

2008 stellte er den Episodenfilm So ist Paris fertig, in dem sein „Auberge“-Schützling Romain Duris erneut mitspielte. In Anlehnung an die sozialkritischen Komödien des Briten Ken Loach schrieb und drehte er 2010 mit Mein Stück vom Kuchen eine französische Variante des Gutfühlfilms, die jedoch an den Kassen nicht so sehr überzeugen konnte. Nach seinem (vorläufigen) Abschluss der Herbergs-Trilogie Beziehungsweise New York kehrt der Franzose zurück nach hause und zur Natur und erzählt uns, warum er so von Wein fasziniert ist.

Warum sind Sie, nachdem Sie mit Beziehungsweise New York einen Film in der pulsierenden US-Metropole gedreht haben, für Der Wein und der Wind in eine ländliche Umgebung zurückgekehrt?

Eigentlich hatte ich geplant, Ce qui nous lie schon 2010 zu drehen. Ich hatte damals mit einigen Winzern, die ich kenne, Kontakt aufgenommen. Ich hatte noch nie bei einer Weinlese teilgenommen und mich interessierte, wie sie vonstattengeht. Ihr musste etwas Besonderes innewohnen - ich wusste nur nicht was. Dann erlaubte mir Jean-Marc Roulot, während der Weinlese auf seinem Gut zu fotografieren. Das weckte mein Interesse, genau zu beobachten, wie die Landschaft sich während der verschieden Jahreszeiten verändert.

Im Verlauf der nächsten sechs Monate kehrte ich mehrfach ins Burgund zurück - auf der Suche nach dem perfekten Baum, an dem ich den Wechsel der Jahreszeiten festmachen konnte. Ich traf den Fotografen Michel Baudoin, der die Weingüter des Burgunds bestens kennt, und er half mir bei der Suche. Schließlich einigten wir uns auf zwei Kirschbäume - einen in Meursault, einen in Pommard. Nun galt es, die richtige Kadrierung, das richtige Objektiv und den richtigen Zeitpunkt für die Aufnahmen zu finden. Ein Jahr lang machte Michel Fotos von jedem Baum, einmal pro Woche, immer zur selben Tageszeit. Und außerdem filmte er die Bäume auch - immer genau eine Minute lang. Das Ergebnis waren 52 Fotos und 52 kurze Filme.

Ich war mir sicher, Material für einen Film gefunden zu haben - ich wusste nur noch nicht, wie er aussehen sollte. 2011 kehrte ich in die Region zurück und sah bei der Weinlese zu. Aber das Wetter war schlecht, der Himmel grau und voller Wolken. Zudem regnete es. Die Trauben waren nicht so schön wie im Jahr zuvor. Ich erkannte, wie sehr die Welt des Weines mit dem Wetter zusammenhängt.

Im selben Jahr beschloss ich, mit der Produktion von Casse-tête chinois zu beginnen. Mein Produzent Bruno Levy und ich hatten das Gefühl, dass es an der Zeit war, wieder mit den Schauspielern der L'Auberge espagnole-Serie zu arbeiten - fast zehn Jahre nach L'Auberge espagnole... Und als ich dann drei Jahre später Casse-tête chinois fertiggestellt hatte, fühlte ich mich bereit, diesen Film über Wein zu machen. Es ist wirklich verrückt, denn während der drei Jahre, die ich an Casse-tête chinois gearbeitet habe, herrschte im Burgund extrem schlechtes Wetter. Es hatte massive Hagelstürme gegeben, die fast die gesamte Ernte vernichtet haben. Man hätte während dieser Zeit ohnehin nicht drehen können.

Wofür steht Wein für Sie, was verbinden Sie mit dem Wort Wein?

Ich muss da nicht um den heißen Brei herumreden: Wein steht für mich für meinen Vater. Er trinkt praktisch nur Burgunder. Als ich mit 17, 18 Jahren selbst anfing, Wein zu trinken, ließ er mich seine Weine probieren. Von ihm lernte ich alles, was ich über Wein weiß.

Als ich als 23-jähriger in New York studierte, jobbte ich als Kellner in einem französischen Restaurant. Ich war da der Einzige, der sich mit Weinen auskannte. Meine Kollegen fragten mich, wie ich denn erklären könne, worin sich beispielsweise ein Côte du Rhône von einem Bordeaux unterscheidet. Da wurde mir klar, dass Wein seine eigene Beschaffenheit, eine eigene Kultur hat. Bei Literatur könnte man sagen, dass man sehr viel lesen muss, um die Unterschiede verschiedener Autoren zu erkennen. Beim Wein muss man sehr viel trinken, um die verschiedenen Regionen identifizieren und den einzelnen Geschmack erkennen zu können. Es war mein Vater, der mir viel über Wein erzählte - und entsprechend auch über das Burgund. So kam mir die Idee, einen Film über Wein zu machen und dabei über Familie zu erzählen. Wir lernen von unseren Eitern und geben dieses Wissen dann an unsere eigenen Kinder weiter.

Das Burgund war dabei für mich eine offensichtliche Wahl. Natürlich habe ich inzwischen auch andere Weinbaugebiete „entdeckt“, so beispielsweise das Bordeaux. Aber im Burgund ist der Weinanbau eher Familiensache - im Gegensatz zu Bordeaux, wo man den Anbau industrialisiert hat, und das Geschäft von großen Firmen betrieben wird. Hätte ich also Bordeaux gewählt, hätte ich eine andere Geschichte erzählt - genauso, als wenn ich mich für eine andere Region entschieden hätte. Ob nun das Elsass, Languedoc, Côte du Rhône oder Beaujolais...

ln ihren Filmen geht es oft um Familie. Andererseits haben Sie hier erstmals die Natur gefilmt...

Es ist wirklich merkwürdig, inmitten von Weinbergen zu drehen. Bis dato habe ich nur Filme gedreht, die in Städten spielen, ob in Paris, London, St. Petersburg, Barcelona oder New York. Ich habe dabei immer versucht, das Verhältnis der Bewohner zu ihrer Stadt zu beleuchten. Nach elf Filmen war mir nach einem anderen Ansatz, ich wollte etwas Anderes probieren. So habe ich mich der Natur zugewandt... So, wie ich mich nicht ein Jahr lang in Paris aufhalten kann, ohne ans Meer oder aufs Land zu fahren, fühlte ich die Notwendigkeit, etwas zu verfilmen, was ich noch nie gedreht hatte. Dieser Drang zur Natur war stärker als ich dachte. Ich weiß nicht, ob es mit meinem Alter zusammenhängt, aber ich denke, es hat auch etwas mit den gesellschaftlichen Veränderungen zu tun.

Die Städter haben inzwischen ein anderes Verhältnis zum Land. Ihr Verhältnis zum Essen und die Essgewohnheiten im Allgemeinen ändern sich. Das ist ganz offensichtlich. Schauen sie sich diesbezüglich den Dokumentarfilm Demain an. Dadurch, dass wir in einer virtuellen Weit leben, entsteht der Wunsch, wieder konkrete Beziehungen zwischen den Dingen herstellen zu wollen. Zweifelsohne ist unsere Frustration der vorherrschenden Distanz der Virtualität geschuldet. Es ist ein neues Interesse an der Kochkunst (und dem Wein) entstanden, was für mich bedeutet, mehr zu den elementaren Dingen zurückkehren.

In Der Wein und der Wind greifen Sie mehrere Themen auf...

Das ist genauso wie beim Wein. Was ist ein Glas Wein? In ihm steckt das Terroir, der Boden, auf dem er gewachsen ist. Dazu das Klima, die Sonne, der Regen, die örtliche Geologie... Jedes Element hinterlässt eine Spur, einen Geschmack, eine partikulare Dichte des Weines.

Und dann kommt natürlich noch der Mensch ins Spiel - wie er den Wein anbaut, welche Methoden er anwendet. Es ist faszinierend, zu sehen, wie im Meursault. Es gibt mehr als hundert Weinbergbesitzer und mehr als hundert verschiedene Methoden, um sein Terroir zu „interpretieren“. Wenn ein Winzer eine Flasche Wein abfüllt, so ist das wie wenn ein Filmregisseur seinen Film fertiggestellt hat. Es ist eine Art von Autorenschaft. Alles kann man in einem Glas Wein wiederfinden ... Diese Komplexität beinhaltet Raum, Zeit Geschichte und Geographie, wenn Sie so wollen eine Hochzeit zwischen Mensch und Natur. Ich musste unbedingt darüber einen Film machen. Wir leben in einer extrem kultivierten Welt.

Das ist der Grund, warum ich so gerne über Wein rede. Im Film zeige ich, wie im Verlauf eines Jahres Wein entsteht. Parallel dazu erzähle ich mehr als zehn Jahre aus dem Leben einer Winzerfamilie. Dabei versuche ich die Beziehung zwischen dem Wein und den Menschen zu finden, unter Berücksichtigung des Zyklus der Natur und der Entwicklung dieser drei Elemente. Zuerst ist man ein Kind, dann ein Erwachsener, dann ein Elternteil - Stationen, die wir alle durchlaufen. Treffen diese auch auf die Jahreszeiten der Natur zu?

Entsprechend haben Sie in Der Wein und der Wind nicht nur die Natur, sondern auch die Jahreszeiten gefilmt...

Ich musste meinen Produzenten Bruno Levy überreden, über den Verlauf eines ganzen Jahres zu drehen. Er hätte es aus Kostengründen viel lieber gesehen, wenn wir nur in zwei Jahreszeiten gefilmt hätten. Aber ich konnte ihn davon überzeugen, dass wir uns dem Zyklus der Natur beugen müssen. Man kann, nur als Beispiel, diese wunderbaren Herbstfarben nicht künstlich herstellen. Man muss vor Ort sein, wenn sie da sind, genauso wie im Frühling, wenn die Bäume blühen... Auf einem Weingut, wie dem von Jean-Marc Roulot, dauert die Weinlese in guten Jahren zwischen einer Woche und zehn Tagen. Für die Szene, in denen Ana die Trauben in den riesigen Fässern zerstampft, hatten wir nur vier oder fünf Tage Zeit. Und dann mussten wir einmal im Januar urplötzlich auf das Gut zurück, weil es geschneit hatte... Dieser Film hatte seinen ganz eigenen Drehplan - und den bestimmte ausschließlich die Natur.

Bei Der Wein und der Wind haben Sie erneut gemeinsam mit Santiago Amigorena das Drehbuch geschrieben. Wie kam es zu dieser Wiedervereinigung?

Nach 15-jähriger Pause haben wir wieder gemeinsam ein Skript verfasst. Das erste Mal arbeiteten wir 1994 bei Le péril Jeune zusammen, zuletzt 2002 bei Ni pour, ni contre (bien au Contraire). Ich wollte nicht allein ein Drehbuch zu einem Film über Wein schreiben. So kam ich auf meinen Jugendfreund, der sich mit Wein auskennt. Santiago hatte gerade Jonathan Nossiters Natural Resistance produziert, einen Dokumentarfilm über Wein. Er mag denselben Wein wie ich und kennt Leute wie Alix de Mantille und Jean­Marc Roulot. Er war der ideale Mann, um dieses Thema zu bearbeiten, und die Zusammenarbeit für mich eine persönliche Freude. Der Film schrie direkt danach, zu zeigen, dass Dinge mit der Zeit besser werden. Das ist beim Wein so und bewahrheitet sich auch in der Freundschaft.

Der Film hat aber auch diese eigene, technische Sprache des Weinmachens. Glauben Sie nicht, dass Sie da das Publikum überfordern? Wie gingen Sie diesbezüglich beim Drehbuchschreiben vor?

Santiago und ich kennen uns mit Wein recht gut aus, aber uns wurde schnell klar, dass wir auch, um alles richtig zu machen, einen Fachmann hinzuziehen mussten, jemanden, der mehr als wir über das Burgund und Burgunder Weine wusste. Hier kam Jean-Marc Roulot ins Spiel. Er war mir schon sehr behilflich gewesen, als ich 2010 die Fotoserie gemacht hatte. Er half uns, die verschiedenen Fachausdrücke zu „übersetzen“, sie fürs Publikum verständlich zu machen. Er kennt sich in Sachen Weinherstellung hervorragend aus, erklärte uns etwa den Unterschied zwischen organischem und biodynamischem Anbau. Außerdem weiß er über die modernen Anbaumethoden bestens Bescheid. Und natürlich konnte er uns erklären, was am Burgunder so speziell ist.

Dann gab es wieder Momente, in denen ich die Fachausdrücke die Jean-Marc vorschlug, in „normale“ Worte zurückübersetzte. Dennoch haben wir auch klassischen „Wein-Talk“ im Film belassen, etwa wenn Juliette sagt: „Der malo ist dieses Jahr sehr schnell.“ Nur zehn Prozent aller Franzosen wissen da wohl, was sie meint. Trotzdem hielten wir an dieser Dialogzeile fest und ich schrieb Erklärungen drum herum, so dass die Zuschauer begreifen konnten, dass es sich um eine Stufe der Vinifizierung handelt, und dass Juliette sich immer besser in der Weit des Weines zurechtfindet. Man muss die richtige Balance zwischen Authentizität und Verständlichkeit finden.

Wie steht es mit der Beziehung der Figuren zueinander? Wie kamen Sie auf die Idee, von Geschwistern zu erzählen?

Die war sehr bald da. 2010 begann ich, über eine Möglichkeit nachzudenken, die ich mit Romain Duris diskutiert hatte: die Geschichte über die Beziehung eines 70-jährigen Vaters zu seinem 40-jährigen Sohn. Aber dann merkte ich, dass ich etwas erzählen wollte, was näher an der Kindheit liegt und das Übergangsstadium ins Erwachsenenalter beleuchtet. So kam ich auf die Idee mit den zwei Brüdern und einer Schwester. Das lag vielleicht auch an meiner eigenen Geschichte, ich habe zwei Schwestern und bin der einzige Sohn.

Für die Rollen dieser Geschwister sah ich mich nach Schauspielern um, mit denen ich gerne arbeiten wollte. Ich hatte gerade Pio Marmaï kennengelernt und hielt ihn ideal für die Rolle des Jean. Mit François Civil hatte ich jüngst bei der Serie Dix pour cent kooperiert. Ich fand, dass er und Pio ein glaubwürdiges Bruderpaar abgeben würden. Und dann fehlte mir noch die Schauspielerin für die Rolle der Schwester. Ehrlich gesagt hatte ich von Anfang an Ana Girardot im Sinn, ich sah mir aber noch Dutzende ihrer Kolleginnen an, um ganz sicher zu gehen. Ich brauchte eine junge Frau, die sich zwischen zwei sehr starken Männern behaupten kann - und Ana war bei weitem die überzeugendste Wahl.

War es einfach sicherzustellen, dass ihre Schauspieler über den Verlauf des Jahres Zeit hatten, für Ihren Film zur Verfügung zu stehen?

Ja. Im Prinzip war es so, als würden wir eine Serie drehen. Aber anstatt die Darsteller für drei Staffeln zu verpflichten, engagierten wir sie für vier Jahreszeiten. Sie mussten also im Frühling, Sommer, Herbst bzw. Winter jeweils für ein paar Tage zur Verfügung stehen. ln Bezug auf den Drehplan war das so, als würde man vier verschiedene Filme besetzen. Das gelang uns, nicht zuletzt weil Ana, Pio und François vom Projekt überaus begeistert waren. Ich glaube, sie haben sogar andere Projekte dafür abgesagt.

Was hat Sie an Ana Girardot begeistert?

Ich hatte schon überlegt, Ana in Mein Stück vom Kuchen zu besetzen. So war es kein großer Schritt, sie für Ce qui nous lie zu verpflichten. Sie ist eine großartige Schauspielerin, die man auf der Leinwand nicht missen darf. Sie besitzt unglaubliches schauspielerisches Potenzial. Sie ist eine große Schauspielerin voller Emotionen und kein „Model, das einen Traktor fährt“. Sie verstand es wunderbar, sich dem Männlichkeitsgehabe ihrer Brüder zu widersetzen und zu zeigen, wie sich eine junge Frau in der Welt der Männer durchsetzt. Ana hat in den USA studiert, sie verfügt ebenso über eine Natürlichkeit wie sie einen Sinn für das französische Laissez-faire hat. Sie ist, was die Amerikaner einen „Pro“ nennen. Es ist schlichtweg wunderbar, ihr beim Spielen zuzusehen.

Wie sehen Sie Pio Marmaï, der für seinen Part wie geboren scheint?

Pio ist jemand, der seinen Beruf lebt. Genauso wie bei Ana hat man bei ihm das Gefühl, dass man sein ganzes Schauspieltalent noch nicht gesehen hat. Er sieht aus wie der Traumschwiegersohn, ist ein netter, sympathischer Kerl. Man kann sich leicht mit ihm identifizieren. Das wollte ich für die Rolle nutzen - aber gleichzeitig auch seine dunkle, rebellische Seite herausarbeiten. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass etwas in ihm brodelt, und auch seine unsichere Seite zeigen. Er hat als Jean noch nicht seine Mitte gefunden. Er ist ein junger Erwachsener, der noch für vieles offen ist. Dieser Aspekt des Noch-in-Entwicklung-Seins berührt mich sehr. Andererseits hat er aber auch etwas Grundsolides und fest im Leben Verankertes an sich. Wenn er zum Beispiel ein Stück Erde in die Hand nimmt, dann zeigt das etwas Starkes und Robustes in seiner Persönlichkeit, das nicht falsch ist.

Es gibt da diese komische Szene, in der François Civil und sein Film-Schwiegervater einander anbrüllen, ohne ihre Sätze zu beenden. War sie so geschrieben oder haben die Schauspieler da improvisiert?

Die Szene war zum großen Teil so geschrieben. Sie war sehr schwierig zu spielen, weil es laufend diese abrupten Unterbrechungen gibt. Als ich die Idee zur Szene hatte, sagte ich zu Santiago: »Wäre es nicht spannend, wenn er seinen Stiefvater anschreit, dabei aber zugleich den Rückzug antritt?« Wir legten diesen Dialog wie eine Art Ping-Pong-Spiel an und sprangen dabei wild von einem Thema zum nächsten. Er redet über seinen Bruder, über sich selbst, über den Kaffee, den er getrunken hat... Das war sehr schwierig zu spielen, weil François nicht zum Punkt kommen durfte. Aber er machte es wunderbar. Hilfreich, diesen ersthaften Clown spielen zu können, war auch die Interaktion mit Jean-Marie Winling.

Entsprechend war es schwer, diese Szene zu schneiden. Sie sollte improvisiert wirken. Unsere Cutterin Anne-Sophie Bion ist es dabei gelungen, die Gesichtung der Szene nicht nur auf den Dialog zu legen, sondern vor allem die Haltung, die dahinter steckt, herauszuarbeiten. Das erfordert enormes Fingerspitzengefühl, die Balance zwischen Witz und Ernst zu halten. Und das funktioniert nur, wenn man erst bleibt und nicht auf einen Lacherfolg schielt. Glücklicherweise besitzt François Civil dieses seltene Talent, sein technisches Knowhow mit enormer Intuition verbinden zu können. Das nennt man Akkuranz.

War es nicht schwierig, einen Winzer davon zu überzeugen, ein Filmteam auf seinen Weinberg zu lassen?

Ohne jemanden wie Jean-Marc Roulot wäre es unmöglich gewesen, diesen Film zu drehen. Er ist Schauspieler und Winzer. Er weiß, wie Filme gedreht werden. Das war großes Glück für uns. Und er hat sich sehr gefreut: »Das ist das erste Mal, dass es mir gelungen ist, meine beiden Leben, meine beiden Leidenschaften unter einen Hut zu bringen.« Womit er aber nicht gerechnet hat, war die unglaubliche Erfahrung, die dieser Dreh für ihn sein würde.

Wie haben Sie einander kennengelernt?

Als ich 1991 meinen ersten Spielfilm Riens du tout besetzte. Ich war damals 30 Jahre alt und schon mehrfach im Burgund gewesen, um Wein zu kaufen. Kurz nach den Probeaufnahmen erzählte mir Jean-Marc, dass er auch Winzer war und in Meursault ein Gut besaß. Ich habe ihn nicht besetzt, ihn aber drei Monate später besucht und bei ihm Wein gekauft. Seitdem bin ich sein Kunde. Heute scherzt er, dass er nach 25 Jahren endlich die Rolle bekommen hat, für die er einst vorgesprochen hat!

Haben Sie ihre Schauspieler vor dem Dreh mit der Welt des Weins vertraut gemacht?

Ja, aber nur sehr kurz, denn sie reisten erst drei Tage vor Drehbeginn an. Die drei Hauptdarsteller kamen am ersten Tag so gegen 11 Uhr an und wir gingen zum Mittagessen, wo wir gleich acht verschiedene Burgunder probierten. Wir „entdeckten“ die Region. So gegen 14 Uhr waren wir dann alle schon ziemlich betrunken. Aber wir machten munter weiter und besuchten weitere Weingüter, probierten weitere Weine.

Wir tranken den ganzen Tag und landeten schließlich bei Jean-Marc Roulot und Alix de Montille zum Abendessen. Am Ende des Tages waren alle komplett betrunken. Ich war richtig erschrocken und fragte mich irgendwann, was wir denn hier machen und ob dies nicht alles Unsinn sei. Um ehrlich zu sein, war letztlich dieser erste Tag extrem wichtig, denn seitdem wusste ich genau, wie ich sie in einer Szene führen musste, in der sie besoffen sind.

Während des Drehs konnten sie natürlich nicht in echt trinken, aber es war wichtig, um den Zustand nachzuempfinden. An diesem ersten Tag erhielt ich davon einen guten Einblick und machte mir Notizen. Einige Szenen waren davon inspiriert. Es mag also sonderbar sein, aber dies war tatsächlich ein Teil der Vorbereitungen. Diese Erfahrungen sind Teil unseres besonderen Metiers. Für uns als Regisseur und Darsteller, waren sie Teil des Berufs. Natürlich war dies alles davon begleitet, ein besseres Gefühl für das Burgund an sich zu bekommen. Ich kann also nicht sagen, dass ich den Film nur des Trinkens wegen machte...

Man kann diesen Film nicht machen, ohne das Burgund zu kennen, besser gesagt: Man muss die Gegend als UNESCO-Welterbe, das den Boden, die verschiedenen Trauben und das Wissen darum meint, in Verbindung mit den Menschen dort, den Weinmachern, der Gemeinden, das Wachsen, die Dörfer...die Klassifikation der Weine kennen. All das mussten die Schauspieler lernen. Sie hätten ihre Rollen nicht spielen können, ohne eine Ahnung all dessen. Diese drei Tage Lehrzeit beschleunigte das Proben, was sich über ein ganzes Jahr hinzog. Das ist auch für mich gültig.

Gibt es für Sie eine Verbindung zwischen der Welt des Weines und der des Films?

Ich sagte schon, dass es drei Ideen für mich für den Film gab, aber ich glaube, dass es noch eine vierte Inspiration gab: Die Weit des Weines ist durchaus mit der des Films vergleichbar. Man muss beim Drehen dieselbe Geduld haben wie bei der Pflege der Weinstöcke. Der Dreh selbst gleicht der Ernte. Der Schnitt gleicht der Vinifizierung: Das passiert im Keller, und man versucht sicherzustellen, dass der Wein gut lagert. Und wenn die Burgunderwinzer zwei Arten von Trauben anbauen, Pinot und Chardonnay, um komplett verschiedene Weine herzustellen, ist es wie im Schneideraum. Es ist genauso, als würde ein Regisseur mit denselben Schauspielern dasselbe Drehbuch verfilmen. Die Filme würden final ganz anders aussehen. Insofern glaube ich, dass eine Gemeinsamkeit zwischen diesen beiden Welten existiert, und Weinmacher wie Jean-Marc Roulot üben einen ganz ähnlichen Beruf aus wie ich als Filmemacher.

Glauben Sie, dass Filmemacher mit dem Alter besser werden? Trifft das auf Sie zu?

Also ich mag Wein. Es gibt bestimmt welche, aber manche auch nicht. Auf jeden Fall gibt es solche Regisseure, die im Alter gut sind, wie Ken Loach mit Ich, Daniel Blake. Filmemacher wie John Huston, Kurosawa oder Hitchcock wurden mit der Zeit besser. Aber es gibt auch andere, die nicht so erfolgreich geworden sind.

Was mich betrifft, so habe ich keine Ahnung. Ich habe oft gesagt, dass ich Le péril Jeune für meinen besten Film halte. Den habe ich ganz am Anfang gedreht und dennoch denke ich, dass ich seither Fortschritte gemacht habe. Ich denke immer noch, dass ich ein besserer Regisseur als damals bin, was aber nicht bedeutet, dass ich bessere Filme mache. Für mich ist das ein Teil des großen Mysteriums des Filmemachens. Du hast das Können und das Knowhow, aber das gibt dir im Grunde keine Garantie für einen guten Film...

Und ich bin auch immer damit beschäftigt, zu wissen, dass ein erfolgreicher Film ohne eigenes Zutun funktioniert. Es passiert jenseits aller Erfahrung und dem Können. Dessen bewusst zu sein, gibt mir eine gewisse Spontaneität. Ich weiß, dass ich Filme nach meinen Wünschen und meiner Intuition folgend drehen muss.

Man realisiert erst später, ob man einen guten Film gemacht hat oder nicht. Wenn ich den Wein als Bespiel nehme: Wenn er gut werden soll, dann brauche ich nur das Gleiche wie im Jahr davor zu tun. Wir müssen die Gegenwart mit gutem Willen annehmen, Nuancen und das schlechte Wetter in unsere Betrachtung aufnehmen. Wir müssen unablässig und intensiv in unserer Recherche sein, ohne zu wissen, was sein wird oder was zum Vorschein kommt. Du kannst zum Beispiel versuchen, Dinge zu beschleunigen, um die Intensität zu wahren, aber trotzdem muss man Geduld haben. Man muss immer der Suchende sein und doch die Intensität bewahren.

Folgt einem guten Film ein guter Wein? Und wenn ja, welcher?

[lacht] In Burgund tranken wir ganz exquisite Weine, die man in Paris gar nicht bekommt - entweder, weil sie zu teuer sind oder weil man sie ganz einfach nicht findet. Ich habe während der Dreharbeiten in Burgund den Weißwein für mich entdeckt. Im Speziellen den Meursault. Als sie ankamen, sagten viele Mitglieder meines Teams, dass sie Rotwein lieber mögen als Weißwein. Als sie dann abreisten, war das bei vielen umgekehrt! Man sagt, dass die Region, in der wir gedreht haben (zwischen Puligny-Montrachet, Chassagne-Montrachet und Mersault) die besten Weißweine hervorbringt. Ich glaube, dass das stimmt.

Um einen Film wie diesen zu machen, bedarf es ganz unterschiedlicher Talente...

Ich schätze in meinem Film vor allem folgende Szene: Nach dem Tod des Vaters öffnen die drei Kinder je eine Flasche Wein des Vaters und des Großvaters. Schon mit wenigen Schlucken bekommen sie eine Ahnung, wie die beiden waren. Die Zeit, die Mühe, die Gedanken und das ganze Leben steckt in diesen Gläsern. Im Prinzip füllen wir nichts Geringeres ab, als das Menschsein.

■ mz | Quelle: StudioCanal | 18. August 2017

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