Mittwoch, 22. November 2017
Baby Driver
Baby hat Schulden bei Doc und arbeitet sie als Fluchtwagenfahrer ab.
© Wilson Webb/TriStar Pictures, Inc. und MRC II Distribution Company L.P.

Nach 30 Jahren gibt es wieder Baby im Kino zu sehen. Diesmal ist Baby männlich und trägt statt einer Wassermelone die Verantwortung als Fluchtwagenfahrer. Baby ist auf seinem Gebiet eine Konifere. Er hat Schulden bei Doc, dem Anführer einer Gruppe diverser Profi- und Hobby-Krimineller, und arbeitet diese Schulden als Fluchtwagenfahrer ab. Baby hat immer die Ohrstöpsel drin und hat seine ganz individuelle Abspielliste, nach der er sich und sein Gefährt im Takt der Lieder bewegt.

Ob beim Kaffeeholen, bei der Planbesprechung oder beim Bankraub - Baby hat immer das passende Lied und den passenden Rhythmus, um jeder Situation Herr zu werden. Dabei wird er hin und wieder von den verschiedenen beteiligten Komplizen aufgezogen und als respektlos betrachtet, doch Baby bekommt trotz der Musik im Ohr alles mit und kann so jegliche Argumente abschmettern - und natürlich, weil er der beste ist und immer, aber auch immer einen Ausweg findet.

»There is nothing wrong with a little quiet.«

Wir bekommen auch den Grund für seinen Musikdrang mitgeteilt: Seitdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, leidet er unter einem Tinnitus, den er von der Musik in den Ohren übertönen lässt. Bei den Besprechungen sitzt er stets scheinbar distanziert im Hintergrund, Stöpsel in den Ohren und immer eine Sonnenbrille auf der Nase (und eine in petto, falls eine abhanden kommt).

»Dieses Kind ist ein Teufelskerl, aber er befindet sich auch im Bann der Gang«, sagt Regisseur und Drehbuchautor Edgar Wright, der zusammen mit Simon Pegg für die Genre-Kultfilme Shaun of the Dead, Hot Fuzz und World's End verantwortlich zeichnet und bei Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt bereits einen jugendlichen Helden aufgezeigt hat. »Er sitzt von ihnen so weit weg wie möglich, denn er will nicht wirklich ein Teil der Gruppe sein.

Fälschlicherweise denkt er, dass er ein Fluchtwagenfahrer sein kann, ohne ein Krimineller zu sein, so wie „Ich bin nur der Kurier. Ich habe mit dem bösen Zeugs nichts zu tun.“ Die Actionszenen sind sozusagen Babys Tagesberuf, und ich denke, eine Menge Leute, die in einem Beruf arbeiten, schotten sich mit einer differenzierten Persönlichkeit ab. Dann, wenn sie nach hause kommen, sind sie ganz anders.«

Nach der „Arbeit“ wird er von seinem farbigen, tauben Ziehvater (der vom Alter her sein Opa sein könnte) dazu ermutigt, aus dem riskanten und gefährlichen Geschäft auszusteigen. Als er dann die freundliche und schöne Kellnerin Debora kennenlernt, macht diese ihm deutlich, wie fehlgeleitet sein Leben tatsächlich ist und wie viel besser es sein könnte. Doch Baby muss diesen Sprung von innen heraus wagen und die Bande zu seinem Beruf kappen. Was wird es kosten? »Ich mag einfach die Idee, dass sich eine Figur zwischen dem, was sie wirklich gut kann und dem, was sie letzlich sein will, entscheiden muss«, sagt Edgar Wright.

»The moment you catch feelings is the moment you catch a bullet.«

Baby gewinnt das Herz der Kellnerin, als sie auf Lieder mit Namen im Titel zu sprechen kommen und er ihr ein Lied mit ihrem Namen näher bringt, das sie noch nicht kannte, denn Lieder über Baby gibt es schließlich in Hülle und Fülle. Darüber hinaus schneidet er auch selbst Lieder aus Tonschnipseln zusammen, die er tagtäglich mitschneidet, auch Äußerungen von Doc oder seinen anderen Mitstreitern, die das jedoch mitbekommen und Baby mit Misstrauen begegnen.

Aber nicht nur das sorgt für Missklang in der Beziehung zum Team. Auch deren individuelle und teils fatale Handlungen sorgen für immer mehr Dissonanzen untereinander und machen die Arbeit für Baby immer komplizierter. Und immer stärker muss sich Baby um seine Zukunft kümmern, bis er schließlich einen Ausweg versucht, mit Debora einfach abzuhauen. Doch sein letzter Job geht nicht wie geplant vonstatten, woraufhin er mit seinem Team ausgerechnet in Deboras Diner einkehren muss...

»We're a team! Nothing is more important than our friendship.«

Edgar Wright legte die Figur Baby nach den wortkargen Vorbildern von Clint Eastwood oder Steve McQueen an und hatte dabei ein Lied im Kopf, von dem er selbst in Babys Alter dachte, er würde sich super für eine Verfolgungsjagd machen - „Bellbottoms“ von der Jon Spencer Blues Explosion. »Es mag Musik geben, und es könnte Choreografie vorkommen, aber es ist nicht euer alltägliches Musical«, lacht der Regisseur über seine umgestülpte, neuinterpretierte Räuberpistole. »Gleichzeitig mussten wir den richtigen Ton halten, der ebenso intensiv wie spannend ist, noch wichtiger jedoch auch witzig und aufregend.«

Für Baby ist die Beziehung zu Doc eine respektvoll freundschaftliche, doch er weiß auch, dass Doc der Drahtzieher ist, der weitaus mehr geheime Quellen besitzt, über die er seine verschiedenen Handlanger in Schach halten kann. »Er ist wie eine dieser schrecklichen Vaterfiguren, die in seltenen Momenten großartig sein können, aber dann die meiste Zeit über einen zersetzenden Einfluss ausüben«, sagt Edgar Wright über den von Oscar®-Preisträger Kevin Spacey souverän hinterhältig gespielten Doc.

Lily James, die zuletzt als Cinderella Im Rausch der Sterne Stolz und Vorurteil & Zombies begegnete, findet, dass ihr Filmpartner Ansel Elgort (Shailene Woodleys Filmbruder in den Bestimmung-Filmen und Romanze in Das Schicksal ist ein mieser Verräter) es einem leicht macht, mit ihm zu sympathisieren: »Man drückt Baby die Daumen, weil er so gutherzig ist, und man sieht ihn zuhause mit Joe, seinem Adoptivvater, und dessen wundervolle Beziehung. Er macht das, um ihm und Joe ein besseres Leben zu ermöglichen, und man will nicht, dass er in diese schreckliche Welt korrumpiert wird. Ich denke, er hat solch ein großes Herz, das auch in Ansels Darstellung durchscheint, die, wie ich denke, so wundervoll und irgendwie verletzlich ist, aber lässig.«

Babys wahre Gegenspieler in dem Film sind der von Jamie Foxx gespielte Bats, der von Anfang an Baby misstraut, und der von „Mad Man“ Jon Hamm gespielte Buddy, ein Börsenmakler, der nach einigen schlechten Entscheidungen auf die kriminelle Bahn geriet und nun mit Intelligenz und Charme (und mit seiner Geliebten Darling als modernes Bonnie-und-Clyde-Pärchen) versucht, auf der Kehrseite des legalen Geldmachens reich zu werden.

Buddy ist, im Gegensatz zu Bats, eher innerlich misstrauisch und sucht mit der Zeit nach Anhaltspunkten, mehr über seinen Fluchtwagenfahrer zu erfahren, Baby zu trauen oder zur Not ans Messer liefern zu können. »Buddys Interpretation von Baby ist, dass er sehr früh feststellt, dass dieser unglaublich kompetent sei«, sagt Jon Hamm über seine Rolle. »Und diese Teams, die berufsmäßig Banken überfallen, bauen auf den Typen, der sie zur Arbeit hin und so schnell und effektiv wie möglich wieder zurück bringen muss. Und Baby muss beweisen, dass er darin sehr gut und sehr schnell ist.«

Edgar Wright zauberte hier einen rasanten, aktionsgeladenen Krimi, dessen zweite Hauptrolle die Musik spielt. Es sind bekannte wie auch weniger bekannte Stücke zu hören, aber auch diverse Musiker in Nebenrollen zu sehen, so etwa Lanny Joon alias Flea, der Bassist der Red Hot Chili Peppers, oder auch Jon Spencer, dessen Lied „Bellbottoms“ gleich zu Beginn den Film rockt, OutKasts Big Boi und Killer Mike, Sky Ferreira, die in einer Rückblende als Babys Mutter zu sehen ist, oder etwa Liedermacher Paul Williams, der neben Liedern für David Bowie und die Carpenters auch diverse Filmmusiken komponierte und in zahlreichen Filmen auftrat.

Ansel Elgort war begeistert, die Rolle von Baby zu übernehmen. »Ich liebte die Vielseitigkeit der Rolle«, erklärt der Schauspieler. »Er ist Fluchtwagenfahrer, also musste ich Fahren lernen. Er hat einen tauben Adoptivvater, mit dem er sich in Zeichensprache unterhält, also musste ich auch die Zeichensprache erlernen. Und sein Lebensweg ist von Musik gezeichnet, somit gibt es auch noch Tanz und choreografische Herausforderungen.«

Mit Baby Driver hat Edgar Wright erneut sich selbst übertroffen und präsentiert Milchbubigesicht Ansel Elgort in einem völlig neuen Licht. Dabei lässt der Regisseur Vergleiche zu Steve McQueen oder den Fast & Furious-Filmen aufkommen, zeigt aber auch mit einem verantwortungsvollen Ende Größe, die in Hollywood derzeit selten zu finden ist. Mit viel Humor gestrickt, begeistert der Film ein großes Publikum und wird somit zum Sommerkinohit des Jahres schlechthin. ■ mz

31. Juli 2017

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